Jahrgang 
1884
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18 unerläßlich, daß die Frau an Leib und Seele gesund, in ihrer Empfindung warm und wahr, und in ihrem Urteil frei und klug geworden sei, daßz sie dazu einen wohlgeordneten Schatz von klarem Wissen und eine Weite des Blicks sich erworben habe, um sie zu einer wirklich ver- ständnisvollen Genossin des Mannes zu machen. Diese Güter kann sie nur gewinnen, wenn ihre Jugendbildung planvoll geordnet und von verständiger Hand geleitet worden ist. Noch gilt das große Gebiet der Mädchenbildung unter allen geldkostenden Betrieben vielfach für den am wenigsten rentablen; er gilt bei vielen noch als eine unproduktive Kapitalanlage, ein Vorurteil, gegen welches schwer anzukämpfen ist. Geht man jedoch auf dessen Gründe ein, so stellt sich bald heraus, daßz dasselbe an gewisse Extravaganzen des gegenwärtigen Zustandes sich anklammert. So kann also auch hier nur eine Beruhigung erwartet werden, wenn diese Auswüchse fallen, und dies kann nur geschehen, wenn das ganze Gebiet des öffentlichen Mädchenschulwesens nach klaren, aus der Psycho- logie und der pädagogischen Erfahrung geschöpften Grundsätzen einheitlich wird geordnet werden.

Lassen Sie uns bei dieser Perspective in die Zukunft halt machen.

Sie werden mit uns die Uberzeugung teilen, daß wir, wie auf allen Gebieten des öffent- lichen Lebens, so auch in den Fragen der Erziehung in einer Übergangszeit leben. Nicht sowohl das männliche Geschlecht, sondern weitaus mehr das weibliche blickt sehnend aus nach einer Revision und Reformation der fundamentalen Grundsätze seiner Jugendbildung; denn eine Reihe brennender Fragen von tiefeinschneidender socialer Bedeutung drängen auf eine Lösung; darüber sind wir mehr oder weniger einig; aber wo liegt das Ziel? noch tasten wir im Finstern nach einem Wege, der uns ebenso umfaßbar ist und pleiben muß, wie die Erkenntnis der Schäden des gegenwärtigen Methodismus, solange uns beides fehlt, sowohl der klare Einblick in die psycho- logische Eigenart der weiblichen Natur und ihrer Bildungsfähigkeit, wie die Größe der ethischen Bedeutung in der Stellung, welche die Frau in der zukünftigen Gestaltung unserer socialen Verhältnisse einzunehmen berufen sein dürfte.

Wir bieten Ihnen darum nur Erfahrungen und Refiexionen. Die Pädagogik als Wissen- schaft wird sich niemals in dem Gedanken gefallen dürfen, mit theoretisierenden Erörterungen und wohlgemeinten Ratschlägen auch nur eine geringe Veränderung in dem Bestehenden herbei- führen zu können; entscheidend wirkt nur die Wucht der Thatsachen und die durch sie bestimmte Macht der öffentlichen Meinung; hier entfaltet sich das Gesetz. Unter diesem Zwange der herrschenden Strömung steht das weibliche Geschlecht noch weit mehr, als das männliche; weitaus schärfer wird jede Frau verurteilt, welche die vorgezeichnete Grenzlinie überschreitet; in weit nHöherem Grade, als der Mann, fürchtet die Frau von ihresgleichen gerichtet zu werden; so steigert sich die kompakte Wucht der Zeitmeinung. In ihr gerade hat die Verständnis und Klarheit suchende Pädagogik ihre beste Verbündete; darum wenden wir uns gerade an die mitten im vollen Leben stehenden Frauen, die Mütter, um ihnen unsere Bedenken und Er- wartungen vorzulegen. Wie sich die Rätsel lösen werden, wer vermag's zu sagen? Aber eins wissen wir bestimmt: was wir schaffen und denken, bewegt sich um das kostbarste Gut, nämlich um Glück und Frieden einer heranwachsenden Generation; wir wollen sie mit dem Besitze aus- rüsten, dessen Thekla sich rühmt:

Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an, wenn man den sichern Schatz im Busen trägt,

und froher kehr' ich, wenn ich es gemustert, zu meinem schönen Eigentum zurück.