1 Zug, mit ungeschminkter Freude tausend Listen und Künste zu ersinnen, um einen Lehrer, der ihrer nicht mächtig ist, zu quälen und zu peinigen; die weibliche Jugend ist auch in dem Falle der männlichen voran, wenn sie ihre Streiche glaubt ungestraft ausführen zu können.
Eine besonnene Pädagogik wird in der Thatsache, daß dieser Zug allerorts und immer beobachtet worden ist, keinen Gegenstand zur Klage erblicken, sondern sie wird auf Mittel sinnen, wie diese natürliche Anlage in gemessene Grenzen zu bannen sei. Sie kann nur den einen Weg einschlagen, welcher nur ihr zu Gebote steht, daß das Kind frühzeitig gelehrt wird, auch das Böse mit festem Blicke anzuschauen, ohne sich durch es beirren zu lassen. Nicht durch die Unkenntnis der Gefahren, von welchen es umgeben ist, wird es stark gegen dieselben, sondern nur dann, wenn es von sicherer Hand zwischen denselben hindurch geleitet wird. Es ist darum nicht wohlgethan, wenn das Mädchen von dem gemeinsamen ÜUnterricht ferne gehalten wird, um es vor den Gefahren des Zusammenlebens mit vielen anderen zu hüten. Denn auch die Tochter muß zu einer Ehrenhaftigkeit, die sich von der Selbstbeherrschung nicht getrennt denken läßt, erzogen werden, nicht weniger als der Sohn; sie soll es nicht minder, als der Bruder, als eine Schande empfinden, wenn sie durch eigene Nachlässigkeit hinter der Klasse hat zurück- bleiben müssen; sie muß sich eingestellt sehen in den Gehorsam gegen das Gesetz, in die Not- wendigkeit der Unterordnung unter den Zwang der ffentlichkeit; denn nur durch diese konse- quente Gewöhnung legt sie die Empfindlichkeit ab gegen alles Fremdartige an Personen oder Verhältnissen, wo ihr solches begegnet. Es wird auch ihr nicht erspart bleiben, in Berührung zu geraten mit der rauhen Außenwelt; woher soll sie aber die Sicherheit des Auf- tretens und die Entschlossenheit des Handelns haben, wenn sie nicht dazu erzogen worden ist? darum soll sie es frühzeitig lernen, mit Würde und Bescheidenheit ihren Lehrern und Mit- schülerinnen gegenüber ihre Stellung zu gewinnen und zu behaupten; denn nichts erfreut uns an einer Frau mehr als ihre Haltung, d. h. die Bestimmtheit und Sicherheit ihres Auftretens, wenn sie gleich weit entfernt von männlicher Aggressive, wie von weibischer Zimperlichkeit ihr Urteil frei und klar zu vertreten wei.
Mit diesen wenigen Zügen mag die Bedeutung umschrieben sein, welche die öffentliche Mädchenschule in dem großen Zusammenhange des Erziehungswesens unserer Zeit sich erworben hat. Wir hoffen nicht zu irren, wenn wir glauben nicht mehr weit entfernt zu sein von dem Punkte, daß durch eine staatliche Regelung dieser Teil unseres Unterrichtswesens in eine feste Form und Gliederung wird gebracht werden. Die Gründe, meist interner Natur, welche diese Hoffnung nähren, mögen hier unerörtert bleiben. Daß das Unterrichtsgebiet ausgedehnt werden wird, ist kaum zu befürchten; im Gegenteil wird wohl eine Vereinfachung der Lehrfächer und eine Beschneidung der Lehrziele zu erwarten sein. Dafür werden wir den einen ebenso gewaltigen wie notwendigen Schritt vorwärts thun, daß die vielen, bisher vereinzelten Wahrnehmungen und Erfahrungen zum Besten des ganzen Unterrichtszweiges gemeinsam verwertet werden, daß dessen Grundzüge und Endziele einer klareren Fixierung näher rücken, und daß das Mädchenschulwesen in der öffentlichen Meinung damit das Ansehen gewinnt, durch dessen Mangel seine gesunde Weiterentwickelung zur Zeit noch erheblich erschwert wird.
Doch halten wir uns auch nach dieser Seite hin von enthusiastischen Erwartungen frei. Die psychologische Grundlage der Erziehung der weiblichen Jugend harrt vor allem noch der Klärung; an ihre Stelle möchte man die sociale supponieren; hier liegt eine Hauptgefahr, welcher das staatliche Entgegenkommen zunäüchst begegnen würde. Weiterhin könnte diese all-


