1⁵ Übermut tritt auch bei ihnen leider nicht selten zu Tage; Provokationen gehen auch von ihnen aus, führen zu Konflikten und Unannehmlichkeiten, und die Unschuld bei der Veranlassung seitens der Mädchen ist in solchen Fällen nicht immer zweifellos. Dazu kommt, daß der ge- meinsame Schulweg gar zu leicht die gleichgearteten Elemente zusammenführt; die Neigung zu kleinen Abenteuern veranlaßt die Ubermütigen zu Umwegen; man treibt sich auf den Straßen herum; es werden bei der Gelegenheit Erlebnisse ausgetauscht und Dinge besprochen, welche besser nicht Gemeingut würden; lauter Thatsachen, welche in der That wirklich Bedenken erregen mütßten, wenn sie nicht erfahrungsgemäß doch nur äußzerst selten zu Klagen Veranlassung gäben.
So kommen sie in die Schule; so verlassen sie dieselbe. Während dem Unterricht selbst sind sie in Klassen vereinigt, deren Frequenz wiederum bedenklich groß erscheint. Die Lehr- thätigkeit kann sich hier in der Regel nur an die Masse wenden; der einzelnen schwächeren Schülerin kann nur in beschränktem Maße eine specielle Berücksichtigung zu teil werden. Auch nach der Seite der Erziehung findet die Einzelne nicht die Beobachtung, welche nameutlich in den Jahren des erwachenden Selbst-Bewußtseins für unerläßlich gelten sollte. So wird notge- drungen nach mancher Seite hin häufig eine Härte des Verfahrens Platz greifen; die Schule selbst mag dies noch so lebhaft bedauern; sie kann aber nur vereinzelt auf Ausnahmen sich einlassen.
Wir könnten die Reihe der Bedenken leicht noch beträchtlich ausdehnen; sollen wir darum den Gegnern der öffentlichen Mädchenschule recht geben?
In Sachen des Unterrichts wird die Behauptung kaum auf Widerspruch stoßen, daß derselbe in der öffentlichen Schule eine Gründlichkeit und methodische Geschlossenheit bietet, welche privatim absolut nicht zu erreichen ist. Denn der Privatunterricht wird stets zu per- sönlich. Statt der dramatischen Lebendigkeit, welche die Beteiligung der Maßee unbedingt mit sich bringt, verfällt der Einzelunterricht gar zu leicht in eine epische Breite, wenn nicht gar die lyrische Empfindsamkeit ihn überwuchert. Die Sachlichkeit wird ihm darum leicht mangeln, zu welcher der Klassenunterricht gezwungen wird. Nur die unausgesetzte Beobachtung der sachlichen Konsequenz fesselt eine Klasse; denn in der angestrengten Arbeit beruht das Geheimnis der Schulzucht; in einer Schule oder Klasse, welche durch tüchtige Arbeit in Atem gehalten ist, wird über Mangel an Zucht nie zu klagen sein; und umgekehrt, wo die Zucht vermißt wird, ist der Rückschluß allemal berechtigt, daß auch die Arbeit nichts taugt; denn nichts erträgt die Jugend weniger, als ein Übermaß von lyrischen Momenten.
Weit wichtiger ist aber dasjenige, was die öffentliche Schule in Bezug auf die Erziehung leisten kann und muß.
Mag sein, daß hier die Berührung mit fremden Elementen unberechenbar ist. Die Mutter muß vielfach recht behalten, wenn sie klagt, daß sie das Wesen der Tochter nicht mehr verstände. In die lammfromme Tochter, welche zu Hause die anschmiegende Sittsamkeit selber ist, fährt ein anderer Geist, sobald sie die Schulschwelle überschritten hat; die Mutter kann und will es häufig nicht begreifen, daß das ihre Tochter sein soll, welcher man gravierende Dinge zur Last legt; und doch ist diese psychologische Doppelseitigkeit gar keine Seltenheit. Aber, wenn diese Erscheinung so häufig ist, trägt dann die Schule die Schuld der Veranlassung? sucht nicht auch zu Hause die Schwester ihre Brüder häufig in Übermut und Unbändigkeit zu überbieten? Für jede gesunde Mädchennatur liegt ein Reiz darin, gelegentlich die knabenhafte Keckheit im weitesten Maße nachzuahmen; sie hegt vielleicht noch mehr, als die Knabennatur den ausgesprochen grausamen


