Jahrgang 
1884
Einzelbild herunterladen

11 bethätigen, und damit die letztere schüdigen. Gelehrte Frauen dulden wir nicht, denn ihrer Gelehrsamkeit fehlt der Erust; wir können sie also auch nicht erziehen wollen.

Der bhergebrachten Vorstellung, welche Bildung und Gelehrsamkeit so nahe zusammen- rückt, liegt eine offenbar falsche Wertschätzung des Wissens an sich zu Grunde.

Fassen wir das gelehrte Wissen zusammen als Wissenschaft, so bestehen über deren Wert zwei differente Beurteilungen, zwischen welchen wir schwanken.

In uns lebt noch genug Respekt vor der Gründlichkeit des Wissensschatzes, welchen der Gelehrte in augestrengter Arbeit sich errungen hat; wir sehen ihn emporragen über die Region des gemeinen Verständnisses; vor seinen Augen verschwinden die Eutfernungen; das uns getrennt Erscheinende gewinnt für ihn verwandtschaftliche Berührung; seine Erkenntuis dringt wie in die Weite, so auch in die Tiefe; seinen Blicken eröffuet sich der uns verschleierte Zusammenhang von Ursache und Wirkung der Dinge. Wir pewundern mit einer gewissen Scheu an ihm die geistige Erhabenheit und Ruhe; nach aufßen schließt er sich ab, aber in seinem Innern gährt, und kämpft es unablässig; er lebt in seinem Reiche als ein König der Geister. Wir bewunderu ihn, um ihn nicht beneiden zu müssen.

Doch auch er ist ein Mensch und als solcher gebunden an die Unentbehrlichkeit materiellen Besitzes. Mag die Wissenschaft ihn noch so hoch stellen, er entgeht damit nicht der Notwendig- keit soviel zu erwerben, als seine bürgerliche, wenn auch noch so bescheidene Stellung von ihm fordert. Wie nun, wenn ihn seine Wissenschaft hier im Stiche läßt? wenn sie uns unfruchtbar zu sein scheint? das Mitleid begegnet ihm, wenn er nicht soviel Nutzen und Gewinn aus ihr zu ziehen versteht, daß auch seine äußere Lebensstellung sich zu einer glänzenden zu gestalten vermag. Ihm entgehen tausend Genüsse, welche der geistig tief unter ihm Stehende spielend sich erwirbt; und wenn er auch für seine Person auf diese Dinge zu verzichten weiß, so setzt seine Wissen- schaft ihn doch nicht in den Stand, seine Familie für die Zukunft der materiellen Sorgen zu entheben. Jetzt schwindet unser Neid; wer sich im Besitze reicherer Mittel befindet, welche Be- haglichkeit und Lebensgenuß zu verschaffen vermögen, der dünkt sich berechtigt, mit einem ge- heimen Achselzucken an dem Gelehrten vorüber zu gehen und dessen Welt, in der er aufgeht, ihm gerne zu gönnen.

Hier stehen wir vor einem Widerspruch, welcher von der Zeit ebenfalls seine Lösung fordert. Die reine Wissenschaft darf keine Rücksicht auf Erwerb kennen; wehe ihr, wenn sie nach Brot gehen mutz! Längst ist bei uns die Erkenutuis durchgebrochen und als Klage laut geworden, daß der Wissenschaft sich zu viele zuwenden in der Hoffnung, auf ihren Besitz sich eine bescheidene Zukunft zu gründen. Damit ist sie von ihrem Piedestal freilich herunterge- stiegen und bescheidet sich eine Dienerin des Erwerbs geworden zu sein, eine Rolle, in welcher sie ihre Unabhängigkeit einbüßt und doch selten goldene Früchte erutet. Zwar beginnt auch in der Nationalökonomie die Erkenntnis sich Bahn zu brechen, daß geistiger Besitz auch ein Kapitalvermögen sei, das verwertet werden und sich verwerten lassen müsse; aber an solchem Kapitalvermögen haben wir leider eine so bedeutende Überproduktion, daß das heimische Land ihm keinen genügenden Raum mehr zu bieten vermag; wir suchen fremde Gebiete ausfindig zu machen, um dort dem heimischen Geisteskapital den Boden für eine fruchtbringende Thätigkeit, zu erschließen. Entweder muß nach dieser Richtung eine Entlastung gefunden werden, oder der Betrieb der wissenschaftlichen Studien muß von vornherein eine andere Form bekommen, so daß zugleich eine gewisse merkantile Verwertung ins Auge gefaßt wird.