Jahrgang 
1884
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10 sich schon beantwortet, lange bevor die Schule ihn vor deren Lösung stellt; den Mädchen liegen dieselben absolut ferne; sie reflektieren nicht gerne, dafür lernen sie um so mehr und lieber, bis zur Erschöpfung. Da die Söhne zu einer solchen Klage nie Anlaß geben, wendet sich die mitleidige Stimmung um so lebhafter den Töchtern zu; und Klagen wirken austeckend; da die Eltern klagen, klagen auch die Kinder; und so pflanzt sich das weiter fort in größere Kreise. Wo liegen die Triebfedern dieses übertriebenen Eifers? ist es die Lust und das heiße Verlangen nach dem Besitze des Wissens? wohl kaum; nehmen wir an, es sei das Streben hinter den Mitschülerinnen nicht zurück zu bleiben, dem Lehrer zu genügen, oder gar die Empfindlichkeit gegen den Tadel.

Diese Verirrungen sind darum nicht der Schule in erster Linie zur Last zu legen; wie die Schule sie nimmermehr begünstigen kann, so sollte man überall darauf hinwirken sie zu be- seitigen und ihnen vorzubeugen.

Die falsche Parallele zur Knabenerziehung wirkt noch weiter.

Legt man die Betonung auf das»zu viel«, so will man damit gewiß nicht sagen, daß die Wissenslast, welche durch die Schule der Jugend aufgebürdet werde, für die Mädchen größer bemessen sei, als für die Knaben. In doppeltem Sinne kann man das»zu viel« nehmen, sowohl extensiv, als zu vielerlei, oder daß die Ziele zu weit gespannt seien, oder intensiv, daß dem Unter- richt zu viel Wissenschaftlichkeit beigemischt werde, daß er durchweg darauf strebe, sich in ein wissenschaftliches Gewand zu kleiden. Beides ist wahr; beides ist vom Ubel.

Härter kann kein Vorwurf die höhere Mädchenschule treffen, als wenn sie sich muß sagen lassen, daß ihre Leistungen in den rein elementaren Fächern hinter denen einer guten Bürgerschule zurückbpleiben. Kaum weniger tadeluswert ist es, wenn sie in der Pflege der Gelehr- samkeit es den Gelehrtenschulen für die männliche Jugend gleich thun will.

Hier gilt es scharf zu scheiden zwischen Bildung und Gelehrsamkeit. Die Gebiete der Bildung und der Gelahrtheit greifen nach der geläufigen Alltagsvorstellung in der Regel gar zu weit ineinander über. Kann man sich dieselben auch nicht ganz getrennt denken, so haben sie doch im Grunde wenig miteinander gemein; sogar bedingen sie sich gegenseitig kaum; der gebildete Mann praucht von eigentlicher Gelehrsamkeit kaum etwas zu besitzen, und der Gelehrte ist darum noch kein Gebildeter, weil er ein Gelehrter ist. Bei der Frau scheidet sich beides noch schärfer. Ihr giebt die Bildung erst Rang und Stand, Geltung und Ansehen; vor gelehrten Frauen dagegen hegen wir, wenige glänzende Erscheinungen abgerechnet, eine gewisse wohlbe- gründete Scheu; denn die Gelehrsamkeit wird uns immer die Vorstellung einer Einseitigkeit, erregen. Sie bewegt sich ausschließlich auf dem Gebiete der Verstandesthätigkeit; sie absorbiert die geistige Kraft nach einer Seite, vielleicht auf Kosten anderer ebenso perechtigter Anlagen, welche daruam verkümmern müssen. Bei dem Manne, welcher sein Leben der Wissenschaft widmet, ist diese Konzentration eine Tugend; in ihr liegt eine Entsagung; nur diese macht ihn fähig, auf einem Gebiete etwas wirklich Großes zu leisten. Bei der Frau bedeutet diese Abgeschlossen- heit auf ein Gebiet eine Verirrung, eine totale Loslösung von dem einen Boden, auf welche die Bestimmung und natürliche Beanlagung ihres Geschlechts sie gestellt haben. Die ausschließliche Kultur des Verstandes könnte nur geschehen auf Kosten ihres von Natur reichen Gefühlslebens; entweder müßte sie das Edelste ihrer Weiblichkeit, die Wärme der Empfindung und die Leb- haftigkeit ihrer Phantasie aufgeben, oder sie würde diese Gaben in der Region der Gelehrsamkeit