Jahrgang 
1884
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ersten auf eine sorgsame Erwägung und Berücksichtigung sollten rechnen dürfen. Gerade die Heftigkeit, welche aus ihnen redet, kann uns am wenigsten bestimmen ihnen beizupflichten. Da sie jedoch aus den Kreisen der am direktesten Beteiligten stammen, haben sie ein Recht, Gehör zu verlangen.

Lassen wir nun auch die andere Partei zu Worte kommen.

Hier beruft man sich auf das allen Menschen zusteheude ewige, unveräußerliche Anrecht auf den Besitz aller Geisteserzeugnisse, welche in irgend einer Gestalt sind zu Tage gefördert worden. Man zieht gewiß nicht die äußersten Konsequenzen der extremsten Emanzipation; man fordert keine Staatsgymnasien für die Mädchen, verlangt keine Zulassung zu den Fakultäts- studien oder Staatskarrieren oder akademischen Würden; man zieht vielleicht noch schärfer und enger die Grenzlinien für das Heraustreten in die ffentlichkeit, welche das weibliche Geschlecht nicht ungestraft überschreiten soll; aber innerhalb des umgrenzten Gebiets fordert man dafür auch eine unbedingte Freiheit, die Gebiete des Wissens nach Neigung und Vermögen unbe- hindert durchmessen zu dürfen. Denn nur der Besitz eigenen Wissens soll den Menschen frei, d. h. unabhängig machen von dem Urteile anderer. Mit der Freiheit seines Umblicks wächst seine Menschenwürde; er lernt das Große und Edle aller Zeiten selbst schauen und schätzen; damit wird er nicht nur in seinem Urteile unabhängig, sondern jetzt erst wird er auch gerecht.

Soll fernerhin die Frau ihrem Berufe als Freundin und Genossin des Mannes ganz gewachsen sein, daß sie befähigt ist in Rat und That wirklich mit zu tragen und zu helfen, so muß sie dem Manne geistig ebenbürtig sein. Oder sollen etwa die höchsten geistigen Güter nur dem männlichen Geschlechte ausschließlich vorbehalten sein? haben die Frauen nicht auch ein Anrecht auf sie? wird man je von einem Manne sagen, er habe zu viel gelernt? Was aber dem einen recht ist, ist dem anderen billig. Dem Manne bleibt zeitlebens die Gelegen- heit seinen Gesichtskreis zu erweitern, Kenntnisse und Erfahrungen zu sammeln; die Frau dagegen wird später auf einen kleinen Kreis der Thätigkeit eingeengt; um so notwendiger ist es für sie in der Jugend zu sammeln; hier ist sie nicht angehalten auf ein Brotstudium hin zu arbeiten; sie hat die Freiheit alles in den Kreis ihrer Arbeit zu ziehen, was ihr Interesse erweckt; dazu drängt sich ihr die Gelegenheit fast auf; das Leben einer größeren Stadt bietet Lehranstalten in allen denkbaren Formen und Abstufungen; warum soll sie also ihre Lust und Fähigkeiten zu lernen nicht dazu verwerten sich in ihren jungen Jahren einen Schatz zu sammeln, welcher bis in das späteste Alter ein teurer Besitz sein wird? müssen diese Kennt- nisse nicht gerade dazu dienen ihr Haus später zu schmücken und gerade für den Mann zu einer geistig belebten Ruhestätte zu gestalten? Das gerade muß ihn nach Hause ziehen, daß er weiß, er wird zu Hause für alles, was in seinem Geiste, wie in seinem Gemüte lebt, einen verständnißvollen Austausch finden, daß er nicht genötigt ist, draußen andere Kreise aufzu- suchen, um seine Meinungen und Ansichten in einem angeregten Gespräche zu prüfen. Dann kann er seine Frau stolz in die Gesellschaft einführen; denn er ist sicher, daß sie imstande- ist jedermann und auf jedes Rede und Antwort zu stehen; mißt man doch den Wert des Mannes nicht mit Unrecht nach der Frau, welche er sich zu seiner Lebensgefährtin ge- nommen hat..

Fast noch schwerer wiegen die PHichten, welche die Frau in der Uberwachung der geistigen Entwickelung ihrer Kinder zu erfüllen hat. Hier liegt in der Regel die ganze Last auf ihr. Es ist schon schlimm genug, wenn sie von ihren Söhnen, welche höhere Schulen be-