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Wer durch Stellung und Beruf verpflichtet wird, die Kußzerungen der beteiligten Kreise zu vernehmen oder auch zu veranlassen, kann sich nicht genug wundern über die völlig diametrale Verschiedenheit der Anschauungen über das Maß der positiven Kenntnisse, mit welchen die weibliche Jugend durch die Schule soll ausgerüstet werden. Selten klingt eine völlige Anerkennung heraus, daß das, was die Schule thue, prinzipiell das Rechte sei; doch ist wohl noch seltener ein wirklicher Vorwurf gegen die trotzdem hochgestellte Thätigkeit der Schule vorhanden. Man erkennt deren reich gesegnete Arbeit in vollem Matze an, weiß sich aber andererseits auf einem prinzipiell anderen Standpunkte, den man auch geltend zu machen und mit Gründen zu belegen sucht. Im ganzen gruppiereu sich die Anschauungen in zwei Heerlager; das eine behauptet:
die Mädchen lernen zu viel,
dabei trifft die Schule der Vorwurf, daß sie die Überlastung der Jugend zum mindesten be- günstige; die andere Seite dagegen vertritt die ebenso entschiedene Meinung:
die Mädchen können nicht genug lernen,
und die Schule mufß es sich dann gefallen lassen, daßz man ihr zur Last legt die langen Schul- jahre nicht ausreichend benutzt zu haben, um nach der Breite und Tiefe alle diejenigen Gebiete zu behandeln, welche für die gebildete Frau zu beherrschen unerläßlich sei.
Da gerät die Schule denn in ein ganz gefährliches Kreuzfeuer, und sie mag wohl zusehen, daß sie den Angriffen von links und rechts zu begegnen weiß.
Solche Urteile beruhen sicherlich auf einer gewissen Beobachtung, mag dieselbe auch noch so oberflächlich sein. Daß aber so extreme Behauptungen, die man sogar aus einem und demselben Munde hören kann, so dicht nebeneinander bestehen können, lassen doch auf eine große Unklarheit in diesen Fragen schlieten. Entweder wird die Bedeutung des Wissens an sich weit überschätzt, oder mau legt demselben speziell für das weibliche Geschlecht einen allzugeringen Wert bei. Als besonders charakteristisch braucht wohl kaum erwähnt zu werden, daß die Ver- wahrung gegen das Zuviel vorwiegend von Männern erhoben wird, während die gegenteilige Meinung ebenso überwiegend von Frauen vertreten wird.
Beide Urteile scheinen unvereinbar zu sein, und doch muß beiden ein gewisses Mal von Wahrheit zu Grunde liegen. Der Streit ist übrigens nichts weniger, als ein akademischer; die Frage greift außerordentlich viel tiefer, als es auf den ersten Blick den Anschein hat.
Hören wir zunächst die Gründe, welche für beide Behauptungen ins Feld geführt werden.
Gegen das Uebermaß des Lernens wendet sich zunächst die väterliche Besorgtheit um das leibliche Gedeihen des Kindes. Es seufzt unter einer Last von anstrengender Arbeit; mit Mühe sind die zahlreichen Schulstunden überwunden und die Ruhe, wie das Spiel sollten nun folgen, da werden schon wieder Bücher und Schreibmaterial geholt, und nun beginnt die lange häusliche Vorbereitung auf die Lektionen des nächsten Tages; kaum bleibt die nötige Zeit zum Essen; sogar die Nachtruhe wird verkürzt, deun schon in früher Morgenstunde muß das Kind geweckt werden, damit es zeitig wieder seinen Schulweg autreten kann. Die unausbleiblichen Folgen dieser Hetze sind Unregelmäßigkeiten in den körperlichen Funktionen; der Hausarzt schüttelt bedenklich den Kopf; sobald die Ferienzeit naht, taucht auch die drängende Frage schon auf nach einer Erholung, sei es Luftveränderung, Reise oder Badekur; dem Vater wird


