oberste Rubrik, das Betragen, leicht übersehen; wird ja doch nicht nach dem Betragen, sondern nach den Leistungen versetzt, und gar zu gerne ist man geneigt, eine tadelnde Bemerkung über das Betragen der jugendlichen Lebhaftigkeit zu gut zu schreiben, einem erfreulichen Kraftgefühl, welches in den Schulzwang und dessen pedantisches Gleichmaß sich nicht fügen mag. So geht naturgemäß mit der Sache selbst auch der Respekt vor ihr verloren.
Es bedarf der Verwahrung nicht gegen die Folgerung, als ob diese Schattenseite die ⸗ 8—8 8 g 8⸗ Bedeutung des öffentlichen Schulwesens überhaupt in Frage zu stellen vermöchte; so sehr wir dasselbe insbesondere auch für die weibliche Jugend fordern, so gewiß haben wir die Pflicht L— ⸗ gegen einseitige Ausartung aufs äußerste bedacht zu sein.
Könnte die forcierte Betonung des Unterrichts uns einen Ersatz bieten für die minder hervorgekehrte Seite der Erziehung, so könnte man vielleicht diesen Mangel als notdürftig aus- geglichen ansehen. Man könnte sich mit der Annahme trösten, daß die Tochter ja ihre Er- ziehung weitaus überwiegend im Familienkreise unter den Augen der Mutter empfangen müsse, daß die Schule kaum den Beruf und die Mittel besäße hier etwas Wesentliches beizufügen, daß ja auch der Wissensbesitz den Menschen zu erziehen vermöchte, daß die Schule ihre Aufgabe voll erfülle, wenn sie nur den Wissensstoff in die richtige Form zu kleiden und so zu über- liefern sich genügen lassen wolle. Lauter gefährliche Halbwahrheiten! So gewiß die Schule imstande ist, dem Knaben Vater und Mutter und Haus und Familie zu werden, ihn ganz auf- gehen zu lassen in dem Kreise von Ideen und Erfahrungen, welche ihn mit sich fortreißen, so zweifellos kann auch die beste Schule dem Mädchen die Mutter nicht auch nur annähernd zu ersetzen. Doch auch die beste Erziehung ist einseitig; auch die beste Mutter kann nicht die Absicht hegen, ihre Tochter ganz auf die häuslichen Einflüsse beschränken zu wollen; je leb- hafter die Tochter ergriffen und angeregt wird von dem, was die Schule ihr bietet, um so lieber wird sie zurückkehren, um zu den Füßen der Mutter zu sitzen und Bericht zu erstatten über alles, was ihren Kopf wie ihr Herz bewegt. Hier beginnt denn die eigentliche Aufgabe der sinnigen Frau; hier gilt es zu glätten und auszugleichen, zu beruhigen und Bedenken zu beschwichtigen; was in solchen Momenten verhandelt wird entzieht sich zumeist der Wahr- nehmung dritter; aber es betrifft sicherlich nicht Grammatik oder Geographie oder Natur- geschichte, vielmehr solche Beobachtungen, welche in absichtslosen Bemerkungen oder unge- suchten Geschehnissen einen lebhaften Eindruck in dem Gemüte der Tochter hinterlassen haben.
Diese Einseitigkeit in der Belastung der Mädchenschule mit Unterrichtsmaterial ver- danken wir zweifellos, wie so maches andere, eiuer irreleitenden Nachahmung der Entwickelung des Knabeuschulwesens. Man übersieht dabei durchaus den gewaltigen Unterschied, welcher zwischen der Bildung eines Mannes und derjenigen einer Frau bestebt; unter einem gebildeteu Manne wird man sich immer etwas charakteristisch Andersartiges vorstellen, als unter einer gebildeten Frau. Darum wird es in Ewigkeit unmöglich bleiben, die Bildungswege und die zu erstrebenden Bildungsziele des einen Geschlechts auf das andere kurzweg zu übertragen. Uber den spezifischen Unterschied besteht zwar kein Zweifel; aber schwierig, wenn nicht unmöglich würde auch nur der Versuch sein, die Grenzlinie zwischen den beiden Geschlechtern genau zu ziehen. So viel jedoch möchte man sogleich als zugestanden annehmen, daß das Maß der positiven Kenntnisse bei der Frau ungleich weniger ins Gewicht fällt, als bei dem Manne. Doch würde sich auch diese Erwartung als voreilig herausstellen.


