Jahrgang 
1884
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sehen wir jedes Jahr aufs neue seine Knospen und Blüten treiben, und werden doch nicht müde, in die unendliche Schönheit dieses Wechsels uns zu vertiefen. Um uns her breitet sich ebenfalls ein Garten aus voll junger Schötzlinge, welche Pflege suchen und der Hand des Gärtners bedürfen. Da stehen wir mitten inne und sind uns unserer Aufgabe wohl bewußt; aber kaum ein allgemein gültiges Gesetz gebietet uns Regel oder Maß; die unendliche Mannig- faltigkeit der so empfänglichen jungen Seelen zwingt uns vor jeder Schablone auf der Hut zu sein; keine Erfahrung ist so fest begründet, daß sie sich nicht vielfache Ausnahmen müßte gefallen lassen. Dennoch stehen wir wieder unter dem Zwange, von Erfahrungsgesetzen uns leiten zu lassen; wir suchen die eigenen Beobachtungen über die Grenzen unseres Arbeitsfeldes hinaus zu erweitern, suchen auszutauschen und abzuwägen, und gelangen so auf zahllosen Um- wegen und Irrgängen zu bestimmten Grundsätzen, auf welche die Schule sich auferbaut, nach welchen sie ihre Thätigkeit regelt, nicht erfüllt von der Überzeugung, das Unaufechtbare getroffen zu haben, aber doch in der bescheidenen Hoffnung, neben vielen vielleicht besseren Wegen einen guten betreten zu haben, welcher auch zu dem Ziele führen wird, daßz die Jugend in ihr erstarken werde in einem Geiste, der über das Gemeine sich zu erheben strebt, der erfüllt ist von der Ahnung, daß die Würde der einzelnen Menschenseele zwar frei bleiben soll von stolzer Selbstüberhebung, daß sie dabei jedoch des eigenen Wertes sich wohl bewußt bleiben könne. Denn keine Ehre, welche dem Menschen widerfährt, vermag ihn zu erfüllen mit dem wahrhaften Hochgefühle des freudigen Glückes, wenn nicht in ihm eine anerkennende Stimme diese Auszeichnung als eine verdiente bestätigt.

Mag jedoch die Schule sich noch so sehr auf gutem Wege wissen, dem ehrlichen Ge- wissen schweigen die Zweifel noch lange nicht.

Die großen Massen, welche in unseren öffentlichen Schulen zusammenströmen, bringen unter anderen großen Gefahren namentlich die eine mit, daß die Schule sich in eine einseitige Richtung abdrängen läßt und ihren Beruf darin sucht, weitaus mehr Unterrichts- als Erziehungs- austalt zu sein. Schwebt diese Gefahr über den Knabenschulen, so noch weit mehr über den Mädcheunschulen.

An der Spitze unserer Schulzeugnisse steht in hergebrachter Weise das Urteil über das Betragen. Das Prädikat sagt jedoch nicht viel mehr aus als das Ergebnis der Kontrolle, ob und wie weit die Schüleriu den Anordnungen der Schule nachgekommen sei. Ob dieselbé auch in der Gewinnung feiner Gesittung, in der Festigung einer edlen weiblichen Gesinnung iu erfreulicher Weise fortgeschritten sei, darüber muß die Schule ein bestimmtes Urteil zurück- balten, weil zu einer gerechten Entscheidung ihr die ausreichenden Beobachtungen fehlen; nur in dem Falle, daß ein offenbarer Mangel dieser Entwickelung in straffälliger Weise zu Tage getreten ist, nimmt das offizielle Zeugnis eine tadelnde Notiz auf. 4

Die Feststellung der halbjährigen Zeugnisse giebt regelmäßig Veranlassung, diese vor- handene Einseitigkeit anzuerkennen. Da jedoch die Schule nicht imstande ist, ihre Beobach- tung in die Breite und Tiefe weiter auszudehnen, muf sie auch eine eingehendere Beurteilung der einzelnen Schülerin nach der Seite ihrer Charakterentwickelung sich versagen.

Ungleich schärfer und spezialisierter lauten die Zeugnisse über die Fortschritte in den einzelnen Unterrichtszweigen. Ilier wird nicht nur geschieden zwischen Fleiß, Aufmerksamkeit und Leistungen, auch die schriftliche, mündliche, grammatische, orthographische, deklamatorische Seite des Fachs wird noch im besonderen censiert. Kein Wunder, wenn auch die Eltern die