21 nun einmal herausgerückt; es fühlt Mut und Kraft in sich und hat den redlichen Willen neben den Mann zu treten, Pflichten und Rechte in größerem Umfange mit ihm zu teilen, also ist dieser Anspruch zu prüfen und je nach Befund dessen Berechtigung anzuerkennen. Die Unter- suchungen über Volumen, Gewicht und Phosphorgehalt des weiblichen Gehirns werden uns dabei freilich wenig fördern; denn die Frage ist zum Teil wohl eine materielle, aber keine materia- listische, kaum eine psychologische, sondern im höchsten Sinne eine ethische.
Tief begründet in unserer Natur und geschöpft aus der persönlichen Erfahrung ist das heiße Begehren, die nachwachsende Generation vorsorglich zu bewahren vor den Steinen, an welchen wir selbst strauchelten. Mit mehr oder weniger Berechtigung beklagen wir die Fehler, die bei unserer Erziehung begangen worden sein sollen, und nehmen uns fest vor, dieselben bei unseren Kindern durchaus zu vermeiden. Nicht diejenige Freude macht uns das Leben inhalt- reich, die wir selbst gemießen, sondern die wir Anderen bereiten. Diese halbklare Überzeugung wirkt in uns gleich einem dunklen Drange, und treibt uns leicht aus einem Extrem in's andere. Der in knappen häuslichen Verhältnissen Aufgewachsene beklagt vielleicht die Dürftigkeit der Genüsse seiner eigenen Jugend; was thut er? er überschüttet seine Kinder mit dem Übermaß und begreift nicht deren vorzeitige Übersättigung. Der hart Gehaltene schließtt von vorn herein die Strenge aus seiner Kindererziehung; was wird daraus? ein verweichlichtes, zuchtloses Ge- schlecht. Erziehungsrezepte lassen sich nicht verschreiben; so wenig, wie die Medizin allgemein gültige Medikamente verschreiben könnte, ohne Rücksicht zu nehmen auf Lebensalter, Konsti- tution und Kräftezustand. Aber über den letzten Zweck aller Erziehung läßt sich doch eine Verständigung erstreben? Auch er ist nicht zu allen Zeiten der gleiche gewesen, wird auch in der Zukunft nicht jederzeit in der gleichen Endabsicht gesucht werden. So gewiß das Huma- nitätsideal sich ändert in der Aufeinanderfolge der Generationen, so gewiß wandelt sich auch die Rolle, die dem weiblichen Geschlechte in dem Drama der Geschichte zugewiesen wird. Aber unausgesetzt vollzieht sich in der Brust der Iphigenie die Katharsis der Leidenschaft; zu ihr flüchten immer wiederholt die ruhebedüftigen Männer und suchen den Frieden im heiligen Haine des Hauses; hier empfängt der unentweihte Altar die reinen Opfer, die der Gottheit dargebracht werden, welche die Heiligkeit des häuslichen Friedens in ihren Schutz nimmt. Hier soll die Frau die Priesterin sein; der Dank folgt ihr über das Grab hinaus. Mehr wie dem Manne gilt ihr die Weisheit des persischen Spruches: Als da geboren wardst, weintest du, und es freuten sich, die dich in ihren Armen hielten; schaffe, daßz, wenn du stirbst, du dich freuen wirst und die Anderen, die dich in den Armen halten, weinen!


