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Musen und Grazien wird also ein reicher allseitiger Dienst entfaltet. Soweit die Natur der weiblichen Jugend sich aufnahmefähig erweist, und vielleicht noch etwas darüber hinaus, ist unsere Tafel reich besetzt mit Gerichten, die nicht nur kräftige Nahrung enthalten, sondern auch gesunden, innerhalb der gesteckten Grenzen erlaubten Genuß bieten. Stände es in der Macht dieser miederen Gottheiten auch das Herz zu stärken, wie sie unzweifelhaft die Kraft be- sitzen den Geist kühn und stark zu machen, das Streben zu erfrischen und za veredeln, Auge und Ohr zu schärfen in der Wahrnehmung des Höchsten, was Menschengeist ersonnen und Men- schenhand dargestellt hat, den Mund zu füllen mit der Gabe hoher und sütßer Rede; dränge ihr Licht auch in die Tiefe derjenigen Geheimnisse, deren Lösung nicht einer auserwählten Klasse von Besitzenden und Wissenden als besonderes Vorrecht ausbedungen ist, welche viel- mehr an Jeden ohne Unterschied des Standes und der Ehre früher oder später mit stürmischer Gewalt sich andrängen: ja, dann könnten wir getrost unsere Wege weiter wandeln; wir könnten uns in der Zuversicht behagen lassen, daß wir an unserem Teile Alles thäten und gethan hätten, was die Jugend befähigen müsse ihren Weg darch Zweifel und Bangen zu finden; und wenn sie denselben dennoch verfehlten, so könnten wir mit Genugthuung uns rühmen, daß die Schuld bei uns eben nicht gesucht werden dürfe.
Wir brauchen jedoch unser Ohr nicht allzuweit offen zu halten für das Urteil, welches draußzen über unsere Arbeit gefällt wird: wir werden erschrecken müissen über die zahllosen Unterlassungssünden, welche in den Fragen der ethisch-religiösen Erziehung der Schule zur Last gelegt werden. Sowohl staatliche wie kirchliche Kreise klagen übereinstimmend die Schule an, daß sie ihre Pflicht nicht recht verstände, daßz die Generationen, welche aus ihr her- vorgingen, nicht hinreichend ausgestattet seien mit Pietät und Pflichtbewußtsein, dabz das Überhandnehmen des Jagens nach Genuß, der Mangel an Sinn für Sorgsamkeit im Kleinen, an Sparsamkeit und Ordnung ihr zuzuschreiben sei, daß die Kenutnisse wohl in reichem Malze mitgeteilt würden, nicht aber die Gewissenhaftigkeit in deren Anwendung, daß die Roheit und der verbrecherische Sinn sowohl im Ganzen in erschreckendem Steigen begriffen sei, wie auch die Raffiniertheit der Gewaltsakte im Einzelnen.
Müssen wir die Wucht dieser Anklagen anerkennen und uuns unter sie beugen? oder haben wir zu unserer Rechtfertigung etwas Stichhaltiges vorzubringen?
Es liegt in der Natur einer in den mannigfachsten Krisen ringenden Zeit, wie der uns- rigen, daß die moralische Depression die Schuld des empfundenen gewaltigen Drucks auf irgend einen Faktor abladet, der vielleicht nicht der Schuldloseste, jedenfalls aber der zur Verteidigung Unfähigste ist. Trüge die Schule wirklich die Hauptschuld an allen den Übeln, ja, dann wäre es geboten gründlich umzugestalten, von der Wurzel aus. Fehlt es doch sogar nicht an Stimmen, welche alles Ernstes behaupten, wir hätten diejenigen Grenzen der nationalen Durchschnitts- bildung, welche für die Genügsamkeit, das sittliche Gedeihen des Volkes als Ganzem als heilsam zu beachten wären, längst überschritten; gerade durch das Übermaß von Schulbildung sei der herrschende Zerfall der väterlichen Zucht und Ehrbarkeit herbeigeführt worden.
Statt eines kurzen, schroffen Abweisens verdienen alle diese Vorwürfe und Anklagen eine eindringende Erwägung; sicherlich stammen sie alle aus Beobachtungen, die an sich völlig richtig sein können, wenn sie auch in den letzten Schlußfolgerungen irren. Doch können wir sie hier weder bis auf ihre Wurzel untersuchen, noch eine Widerlegung übernehmen: Genug, sie sind da und werden laut genug erhoben. Ob und in wie weit wir selbst uns einer Mitschuld


