Jahrgang 
1883
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14.

So üben wir den Geschmack an großen Mustern. Gegen die unwahre Kunst, klingende Worte und feine Redewendungen zu einem bestechenden Ganzen zusammenzuweben, muß der deutsche Unterricht sich auf das Bestimmteste verwahren. Hier steht mehr auf dem Spiele als nur die technische Frage: wie erzielt und erzieht man eine gewisse formelle stilistische Gewandtheit? Vielmehr soll hier die Entschlossenheit erzogen werden, einen eigenen Gedanken wirklich auszu- denken, ein selbstdurchdachtes Urteil mit dem Mute der Überzeugung zu vertreten, statt an die Stelle des Selbsterlebten die Reihe von blendenden Phrasen zu setzeu.

Der Schulunterricht geht noch einen bedeutenden Schritt weiter; der Lehrplan enthält auf der obersten Stufe noch einen Jahres-Kursus zur Einführung in die Kunstgeschichte.

Es versteht sich von selbst, daß es hier nur um einen propädeutischen Unterricht sich haudeln kann. Die Absicht kann auf nichts weniger gerichtet sein, als darauf, die herange- wachsenen Mädchen in den Stand zu setzen, an einer modernen Kunstunterhaltung mit Erfolg sich beteiligen zu können.

Mit der größten unter den Künsten, der Dichtkunst, hat sich der vorhergegangene Unterricht schon eingehend bpefaßzt. Nicht nur sind die hervorragendsten-Erscheinungen unserer poetischen Litteratur eingehend gelesen und besprochen: auch die großen Kunstgesetze sind ihrem Wesen nach zur Mitteilung gelangt. Nun soll auf den Gebieten der übrigen Künstezeben- falls Rundschau gehalten werden. Unendlich Vieles ist den Schülerinnen schon bekannt geworden, sei es unmittelbar durch den Schulunterricht, sei es in unübersehbarem Maße durch das Leben der großen Stadt. Umgeben von Reproduktionen der hervorragendsten Kunstwerke in Photographie oder Stich, frühzeitig und leider gar zu oft vorzeitig in unsere überreichen musikalischen Pro- duktionen eingeführt, bringen die Mädchen ein Chaos von ungeordnetem Stoff mit. Hier begehren sie dringend nach Klarheit und Einsicht; sie verlangen mit Recht eine befriedigende Erklärung der Stich- und Schlagwörter, die sie umschwirren; sie wollen wissen, was man unter antik, klassisch, romantisch, Renaissance, Rococco, Barocco ete. zu verstehen hat; sie begehren auch hier klare Scheidung des Gesetzes von der Entartung; keine penible Vollständigkeit des erdrückenden Ballastes, sondern klare Bilder, an welche die Erinnerung sich heften kann, von dem Guten das Erhabenste und von dem Schönen das Unvergängliche. Freilich ist hier die Methode nichts und die Person des Lehrers Alles; c'est le ton, qui fait la musique!

So reiht sich auch das scheinbar von einander weit Entfernte zu einer unlösbaren Kette, von der ersten Turnstunde in der untersten Elementarklasse bis zur letzten Kunstgeschichtsstunde am Schulabschluß. Hat die Schule nun jeder Zeit ihre Schuldigkeit gethan und auch in der bersönlichen Begegnung stets auf das Strengste in Höflichkeit, Zuvorkommenheit und Bescheiden- heit die Bethätigung des guten Geschmacks von Seiten der Schülerinnen gefordert, so mag sie sich rühmen eine Aufgabe gelöst haben, wiegsie schöner nicht gedacht werden kann. Da ist für Ziererei und Affektation kein Raum geblieben; die Gesundheit der geistigen Entfaltung der mit Reizen überreich gesegneten weiblichen Natur soll auch eine äußere Gestalt gewonnen haben, welche die Weichheit und Anmut mit der Kraft und dem Maßzhalten in die glücklichste Uber- einstimmung gebracht hat.

Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab! Denn sie empfiehlet ihn stets, und nirgends ist er ein Fremdling. Jeder nahet sich gern und jeder möchte verweilen,

Wenn die Gefälligkeit nur sich zu der Gestalt noch gesellet.