Jahrgang 
1883
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13 Götterbilder schon Tausenden Ehrfurcht und Bewunderung abgewonnen haben, datz hier das Alter seine zerstörende Kraft aufgehalten sieht und die Farben weder dunkeln noch verblassen.

Die Vorhallen sind durchschritten; die sprachlichen Vorübungen, welche das Verständ- nis erschließen sollen, sind beendigt; nun soll die Hand des kundigen und erfahrenen Führers die Neulinge durch die weiten Hallen hindurchführen, soll hundert wertvolle Kunstwerke un- beachtet lassen, um ein einziges desto sorgsamer vor den Augen seiner andachterfüllten Schüler in die rechte Beleuchtung zu rücken, mit knappen Worten die künstlerisch bedeutsamen Züge hervorheben, und im übrigen den großen Eindruck seine Wirkung selbst üben lassen, er wird lauter reden, als die menschliche Stimme des Erklärers dies vermag: eins der schwierigsten Kapitel der Pädaßogik, wenn das taktvolle Maßhalten der Erklärung die zarte Grenze respektieren will, jenseits welcher auch die bestgemeinte Erläuterung nur störend wirken kann.

Aber dies Bekanntmachen mit den großen Kunstwerken soll mehr bezwecken, als eiuen bloß empfundenen Genuß.

Jeder, welchem die Neigung und die Fähigkeit den Weg erschlossen haben, der künst- lerischen Arbeit des Dichters nach zu gehen, wird über jenen, kaum mehr als sinnlichen Genuß den Einblick stellen, wie es dem Künstler gelungen ist, den rohen Stoff so zu bearbeiten, dalb derselbe in allen seiunen Teilen dies bewundernswürdige Ebenmaß gewonnen hat, wie er mit un- endlich sorgsamer, feiner Abwägung der Möglichkeiten jedesmal die Form getroffen hat, welche seinem künstlerischen Ideal am meisten nahe kam, wie das vollendete Kunstwerk in allen seinen Teilen die Natur des Grundstoffs getreulich beibehalten hat und doch die groben Massen in so feine Formen umgebildet erscheinen. Schreitet man zu dem zweiten und dritten Werke desselben Meisters, so wird die Materie freilich die Verwandtschaft der Schöpfungen nicht bezeugen; um so mehr aber wird der Vergleichung die letzte Wahrnehmung nicht entgehen können, daßz das Ringen des künstlerischen Gedankens in allen Einzelwerken als dasselbe sich erweist, dat das Ab- streifen des Individuellen und Beschränkten zur Befreiung des künstlerisch Idealen führt und daß die Schöpfungen derselben Künstlerhand sämmtlich Darstellungen des einen Ideals sind, welches in der Seele des Künstlers mächtig nach Gestaltung drängt.

Ist solches Eindringen in das Wesen und die Gestalt des Kunstwerks nicht ein unend- lich höherer Genuß, als jenes Sichgenügenlassen an dem bloß sinnlichen Behagen? Wenn wir durch den Einblick in den Bau und die Gliederung einer Pflanze Bewunderung in der Seele unserer Schüler erregen wollen vor der Zweckmäßigkeit, welche sich mit der Schönheit verbindet, stehen wir vor einem, also unserem Verständnisse erschlossenen Kunstwerke mit geringerer Bewundérung, um nicht zu sagen, Rührung. gegenüber? Hier stehen wir nicht vor Rätseln, die uns ewig un- verstanden bleiben müssen, sondern hier spüren wir Geist von unserem Geiste. Da regt sich neben der Bewunderung vor der unerreichbaren Grötze doch der kühne Trieb, selbst die Kraft zu versuchen; uur das Erproben der eigenen Flugkraft lehrt uns die Höhe ermessen, welche Andere erreichten. Dazu soll die schriftliche Übung Anleitung geben, soll die Fähigkeit üben Erkanntes und Gedachtes in die selbstgewählte Form zu bringen, soll Maßz und Energie des Aus- drucks in heilsame Zucht nehmen, soll mehr noch ermuntern als korrigieren, soll den Stoff, an welchem die Übung fortgesetzt wird, dem Maße des schon gewonnenen Vermögens anpassen, soll jede Erweiterung der Übung jedoch auch zu einer Erweiterung des Gesichtskreises gedeihen lassen, so daß jeder Aufsatz zugleich eine geistige Eroberung, eine ethische That genannt werden darf.