Jahrgang 
1883
Einzelbild herunterladen

12

Seite, einen sinnigen Gehalt; nicht umsonst beobachten wir bei der überwiegenden Mehrzahl unserer Schülerinnen für diesen Unterrichtsgegenstand eine entschiedene Vorliebe.

So erwächst für die Schule eine von ihr stets und gerne anerkannte Pflicht, diesen Geschmack zu erziehen. Die Sinne werden geschmeidig; das Auge gewinnt die Schärfe der Beobachtung für die Schönheit der Porm; das Ohr wird empfänglich für die Harmonie und den Rhythmus der Töne.

Über das Alles hinaus liegt jedoch noch eine höhere Instanz des Geschmacks.

Was wir im vulgären Sinne Geschmack nennen, beruht zum weitaus größten Teile auf einer dominirenden Strömung der wechselnden Tagesmeinung. Auch hier begegnen wir wieder der Mode: modisch und geschmackvoll sind im Sinne der unselbständigen Naturen gleichwertig.

Diese wechselnde Geschmacksrichtung bemerken wir indessen nicht nur auf dem niedersten Gebiete der Mode, der Kleidertracht; wir sehen sie ebenso herrschen auf allen Gebieten des gesellschaftlichen und künstlerischen Lebens, im Ceremoniell der Begegnung, in der Ausstattung unserer Wohnung etc.; wir haben unsere Modeschriftsteller, Modekomponisten, Modemaler; sogar bis in die Regionen der politischen und kirchlichen Strömungen greift dieselbe über; sie versteigt sich also bis in das Gebiet der Ethik.

Diese Gewaltthätigkeit würde und müßte den entschiedensten Protest provozieren, wenn der Geschmack mit dieser Mode völlig Eins sein sollte, wenn die völlige Willkürlichkeit der Mode nicht doch wieder korrigiert würde durch ein latentes Gesetz, das ebensowohl eine individuelle wie eine allgemeine Gültigkeit in Anspruch nimmt, kurz gesagt, das im Stande ist, den künst- lerischen Anteil des Geschmacks mit einem ethischen zu verbinden.

In allen Epochen der höchsten Erhebung des künstlerischen Geschmacks sehen wir die Kunstübung getragen von der Ueberzeugung, datz die Kunst im Dienste der Wahrheit stehen soll, daß das Schöne auch zugleich das Gute sein muß. Ebenso unwandelbar wie die Wahrheit muß darum auch die reine Kunst sein, und ebenso ewig, wie das Gute, ist auch das Gesetz der Schönheit.

Erziehen wir also die Feinheit des Verständnisses für die künstlerische Schönheit, so können wir auf keiner Stufe es unterlassen, auch die ewigen Gesetze zu betonen, welche die Darstellung des Schönen nur auf dem ethischen Boden der Wahrheit und des Guten gedeihen lassen. Hierzu bedürfen wir aber innerhalb unseres Schulunterrichtes anderer Mittel und anderer Gelegenheiten.

Zwar ist hier jeder Unterrichtsgegenstand berufen bis zu einem gewissen Grade, sein Teil beizutragen; im Vordergrunde steht jedoch der deutsche Unterricht, besonders Litteratur und Aufsatz, und die beiden letztgenannten Teile in lebendiger innerer Wechselwirkung.

Nichts redet erfahrungsgemäß eindringlicher in das Herz und den Geist der Jugend, als die großen Erscheinungen unserer klassischen Litteratur, wir sagen absichtlich nicht unserer klassischen Poesie. Mag sein, daß ein gut Stück anerzogener Pietät in diese Achtung mit hinein- spielt; sie kann nur förderlich wirken. Was die Jugend fesselt, mag zunächst auch nur der rhythmische Flußz und der melodische Klang der Sprache sein; mag auch immerhin zugestanden pleiben, daßz ihnen die neue Welt der Gedanken vorerst erdrückend hoch erscheint; ein fremd- artiges und doch wieder dämonisch anziehendes Dämmerlicht mag die hohen Worte erfüllen: eine Ahnung wird sich sofort einstellen, daß man an der Pforte eines Heiligtumes stehe, dessen