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Stimmung; die Eitelkeit wird zur Gefallsucht, Schmeichelei um fremden Beifall; da wird Alles Absicht, Berechnung, Effekt; aus dem naiven Kinde ist eine Karikatur geworden. Reden wir uns nicht ein, das seien Wandelungen, die mit dem Erwachen der weiblichen Natur unzertrenn- lich zusammenhingen; wir täuschen uns absichtlich selbst und suchen uns gegen die unausge- sprochene Anklage zu verteidigen, daßz wir durch unsere eigene Unvorsichtigkeit eine solche Entartung herbeigeführt haben.
Die Schule nimmt keine Rücksicht auf die kindliche Eitelkeit, schmeichelt nicht; hier gilt kein Ansehen der Person, sondern gleiche Pflicht für Alle.
Der Turnunterricht geht in seiner Forderung der persönlichen Unterordnung weiter als der übrige Schulunterricht: er fordert nicht bestimmte geistige Funktionen, die man bei dem einzelnen Kinde auf die volle Exaktheit niemals kontrollieren kann, sondern vorgeschriebene körperliche Bewegungen, die mit Gleichmäßigkeit ausgeführt werden sollen, im Takte, auf Kommando, deren Ausführung nicht nur korrekt, sondern auch schön sein soll, die unter Um- ständen ein weit höheres Maß von Aufmerksamkeit und persönlicher Anstrengung erfordert, als eine Rechenaufgabe oder eine Leseübung.
Da die menschliche Schönheit nicht denkbar ist, ohne gepaart zu sein mit einem ge- wissen Maß von Kraft, so kann sie auch in der Bewegung sich nicht zeigen ohne eine Kraft- entfaltung, deren Iteigorung durch die Übung unbedingt mit erstrebt werden soll. Damit jedoch die Kraft wiederum nicht überschäume, in Wildheit vielleicht übergehe, wird sie gebunden an das Gesetz des musikalischen Rthythrauns; mit der turnerischen Bewegung verbindet sich der Ge- sang: der Wohllaut der Stimme und die Reinheit des Tones mit der Schönheit des Auftreteus und der Ebenmäßigkeit der Bewéegung. Ob getrennt oder vereint werden Turnen und Gesang, dieselben pädagogischen Wege einhalten, um die Jugend zu lehren die überflüssige Kraft und Lebhaftigkeit, die der anderweitige Unterricht zurückzudrängen gebietet, in einer begrenzten
Freiheit zu entfesseln, Maß zu halten auch dann, wenn die ungebundene Entfaltung der jugend- lichen Freude erlaubt, sogar geboten erscheint.
Einen Schritt weiter geht die Absicht des Zeichenunterrichts. Was dort bewirkt wurde durch das naive Verständnis für die Schönheit der Bewegung und den Wohllaut, das soll hier durch die Überlegung geschaffen werden. Auge und Hand werden gleichmäßig geübt, jenes in der Kunst die Schönheit der Linie zu erfassen und festzuhal ten, diese in der Geschicklichkeit als getreue Dienerin sich unterzuordnen und über den leisesten Druck Gewalt zu bekommen, und so, sei es in der Reproduktion, sei es inerhalb einer beschränkten Komposition, den Ge- schmack zu bethätigen, welcher zunächst beschränkt auf das Gebiet der malerischen Darstellung, nur ein künstlerisch erzogener sein kann.
In ähnlichen Bahnen bewegt sich der Handarbeitsunterricht. Auch er hat, vielleicht noch mehr als der Zeichenunterricht, den praktischen Zweck, eine Handgeschicklichkeit zu er- ziehen, welche im Haushalte späterhin unentbehrlich sein wird. Doch dieser Zweck ist keines- wegs der einzige, in letzter Linie nicht einmal der Hauptzweck. Vielmehr steht hier im Vorder- grunde die Accuratesse in der Beobachtung der Form und der Sauberkeit und GI leichmäßigkeit in der Ausführung. Die Komposition wird hier bedeutend früher angeregt, als im Zeichenunter- richt; unaufgefordert strebt die jugendliche weibliche Phantasie auf dem ihr ureigensten Ge- biete Selbständiges zu schaffen, neue Formen zu ersinnen, an verschiedenen Orten Beobachtetes zu kombiniren. Richtig geleitet gewinnt der Handarbeitsunterricht eine hervorragend künstlerische


