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wie der Gewitterregen; er überschüttet und tötet, erdrückt die zarte Vegetation; er dringt nicht, in die Tiefe, belebt nicht die Wurzeln, fließt ab; der durstende Boden hat auf die Dauer keine Erquickung gefunden. Wir können nicht sorgsam genug die Eigentümlichkeiten der weiblichen Natur immer auf's Neue in Rechnung ziehen. Die weibliche Jugend steht dem Erwerb von Kenntnissen durchaus anders gegenüber, als die männliche. Bei den Mädchen offenbart sich der größere Eifer des Sammelns, bei den Knaben die größere Zähigkeit des Festhaltens; hier be- merken wir die momentan größere Freude am Besitze, dort die nachhaltigere Verarbeitung; hier offenbart sich ein größeres Streben in die Breite, dort ein Eindringen in die Tiefe; ſier treibt die elektrisirte Begeisterung für das Neue, dort das Verlangen nach dem Gesetzmäßigen, Organischen der Erkenntnis; hier überwiegt das Gewichtlegen auf die ästhetische Seite des Gegenstandes, dort die Frage nach dem philosophischen Grunde: in allen Stücken fällt uns die Verschiedenheit der Beanlagung beider Geschlechter auf, welche eine Verschiedenheit der Ab- grenzung der Unterrichtsgebiete nach Umfang und Detail, nach Methode und Lehrform ge- bietet. Alles drängt zu der Erkenntnis, daßz der Wissensbesitz an sich von anderer Bedeutung für das männliche Geschlecht sein muß, als für das weibliche, daßz also der nachhaltige Werte dieses Besitzes bei dem weiblichen Geschlechte nach einer anderen Richtung hin gesucht
werden muß.
Auf alle Fälle bleibt zugestanden, daßz der Wert eines in sich geschlossenen Wissens- besitzes ein hoher sei.
Mag man demgemäß den wissenschaftlichen Unterricht auch noch so hoch schätzen: ein anderes ebenfalls stark gestütztes Urteil scheint nicht minder berechtigt, wenn es in der höheren Mädchenschule einer anderen Seite des Unterrichts den Vorrang einräumen möchte, nämlich der ästhetisch-künstlerischen.
An vier Unterrichtsgegenständen scheint diese zweite Seite des Unterrichts auschließlich zu haften, an Turnen, Gesang, Zeichnen und den weiblichen Handarbeiten.
Aber- auch an ihnen wird zuerst ein gewisses Mafßz von virtuosem Können in der Schule geübt.
Die Beurteilung der Qualität einer Leistung wird zunächst ausschließlich die durch Übung gewonnene Fertigkeit zum Mafßstabe nehmen müssen, denn sie vermag auf den ersten Blick nicht in die Tiefe zu dringen um zu unterscheiden, ob die Übung nur eine oberflächliche Geschick- lichkeit zu erziehen vermocht hat, oder ob der Unterricht auch bemüht gewesen ist, die Natur des Kindes feinfühlig zu machen für die Schönheit der Form in der Ruhe wie in der Bewegung.
In wohlerwogener Absicht beginnt die Schule mit dem Tarnen.»Glücklich, wem doch Mutter Natur die rechte Gestalt gab!«
Leider zu sehr wird dem Mädchen von Jugend auf es zur Pflicht gemacht, schön sein zu sollen; der unverständige Wetteifer in dem Aufgebot süßlicher Schmeichelnamen findet einen von Hause aus nur allzufruchtbaren Boden.
Die harmlose Eitelkeit des Kindes, solange dieselbe nicht erfüllt ist von dem Bestreben die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken, ist gewiß ein herzerfreuendes Bild; da wird jedes glän- zende Bändchen und bunte Läppchen als Mittel der Verschönerung an einer möglichst un- passenden Stelle angeheftet; da kann die eigene naive Freude der Anderen Bewunderung ganz entbehren, unersättlich in dem Genusse des eigenen Entzückens. Aber unmerklich wechselt die


