der Jugend nicht stündlich gesagt zu werden. Der natürliche Zusammenhang des Bluts, welcher die Geschlechter verwandtschaftlich verbindet, äußert sich von selbst; der Unterricht gewinnt, damit die Wärme, die ihn von selbst loslöst von den Fesseln des Schulmechanismus und ihm eine selbständige, dominirende Stellung verleiht. Von selbst löst sich der Blick von der Gegen- wart und wendet das Interesse pietätsvoll der Zeit der Väter zu. Hier verbindet sich der deutsche Unterricht mit der vaterländischen Geschichte und Geographie, nimmt Auteil an den Sorgen und Freuden der Väterzeit, dringt ein in deren geistiges Mühen und Gelingen und be- reitet, richtig geleitet, den Boden für das Verständnis auch der großen Fragen der Gegenwart. Seitqem auch die Weltgeschichte nervös geworden ist, ist es mit dem Behagen vorbei,»wenn hinten, weit, in der Türkei die Völker aufeinanderschlagen«; seitdem jede historisch-politische Bewegung auch eine sociale Frage im eminenten Sinne im Gefolge hat, ist die Harmlosigkeit auch des weiblichen Geschlechts gestört; auch seine Existenzbedingungen werden durch jede Er- schütterung des politischen Bodens bedroht; es soll und muß die Probleme kennen lernen, welche den Kampf der Gegenwart nicht zum Frieden kommen lassen; denn, darf es auch an dem Streite nicht selbst aktiv beteiligt werden, so ist es doch an dem Entbrennen desselben vielleicht nicht so ganz unschuldig; es könnte bei dem schließlichen Ausgleiche auch berufen sein, eine nicht ganz unwesentliche Rolle zu spielen.
Sehen wir von der Betonung eines wissenschaftlichen Gesichtspunktes auf unserem Unter- richtsgebiete überhaupt ab, so gewinnen auch die fremden Sprachen für unsere Schulen erst ihre rechte Bedeutung. Als Erziehungsmittel des Sprachorgans und des Sprachvermögens werden sie uns alsdann in dem Mabze förderlicher werden, wie wir darauf verzichten, die grammatische Korrektheit und Routine als Selbstzweck zu betreiben. Auch die freiden Litteraturen, vorab die französische, bieten uns für die weibliche Jugend zu wenig Wertvolles, als daß wir zu dessen Eroberung die Kräfte einseitig im Übermaße in Anspruch nehmen dürften. Ein klarer Einblick in den Sprachbau und eine innerhalb bescheidener Grenzen wohl geübte Gewandtheit in dem mündlichen Gebrauche der Sprachmittel werden nicht nur als ein wohlgeschätzter Besitz für die gesellschaftlichen Beziehungen der künftigen Frau sich erweisen, sondern noch weit mehr die Beherrschung der eigenen Sprache nach Form und Inhalt kräftig unterstützen.
Zu diesen althergebrachten Disziplinen sind in neuer Zeit die Naturwissenschaften ge- sellt worden; die Erfahrung hat ihnen diese Berechtigung bestätigt. Wir brauchen uns nicht zu den begeisterten Propheten zu zählen, welche diese Wissenschaften in den Vordergrund des Unterrichtsplanes gestellt wissen möchten, und werden doch bereitwillig anerkennen, daß sie einen breiten Raum beanspruchen dürfen, vorausgesetzt, daßz auch sie nicht als Wissenschaft auftreten wollen. Abgesehen von dem ästhetischen Zwecke, welcher den Blick für die Schön- heiten der Natur und ihre Gebilde schärft, hat die Kenntniß der Kräfte und Gesetze, welche aus früher unverstandenen Regionen wirken, sicherlich nicht wenig dazu beigetragen, den Aber- glauben zu bekämpfen, hat als solche auch nie die Absicht gehabt, die sittlich-religiösen Grund- lagen unserer Weltanschauung anzutasten, hat im Gegenteil nicht nur die Gesundheit unserer Weltauffassung, sondern auch die Pflege unserer geistigen und körperlichen Gesundheit nicht wenig zu fördern verstanden.
An diesen bewährten Grundlagen unseres jetzigen Schulwesens rütteln zu wollen, hieße an der Tradition sich versündigen. Aber Alles bleibt zu Recht bestehen nur unter der Voraus-
setzung, daß es die berechtigten Grenzen nicht zu überschreiten strebt. Jedes Ubermaß wirkt Elisabethenschule 1883. 2


