8— richtsbetriebs, das Maß dessen, was als Jahrespensum einer Klasse zugeteilt wird, muß sich lediglich bestimmen lassen durch die psychologische Frage: welches mittlere Maßz von Gaben und Anlagen ist dem Kinde von Natur mitgegeben? Darf das Durchschnittsmaß von Kraft ganz in Anspruch genommen werden, oder ist es geboten, die Leistungsfähigkeit nur zum Teil zu be- lasten? in welchem von beiden Fällen wird die Elastizität des jugendlichen Geistes am meisten gesteigert? Diese rein interne Frage der Organisation des Lehrplanes kann eine Erörterung hier nicht beanspruchen. Indessen jedem aufmerksamen Beobachter wird nicht unbekannt geblieben sein, welche Durchbildung die Unterrichtsmethode seit einem Menschenalter gewonnen hat. Doch nur der Fachmann kann bezeugen, welche Gährung den Lehrplau einer weitorganisierten Schule in allen seinen Teilen unaufhörlich durchzieht. Unausgesetzt werden neue Erfahrungen gesammelt, verglichen, erwogen, neue Unterrichtsmittel geprüft, die Schlüsse verwertet, Unhaltbares gekürzt, gestrichen, Neues eingefügt, sachliche und methodische Anderungen durchgeführt; kurz, wer es aus Erfahrung weiß, welche Detailarbeit diese fortwährende Umwandlung erfordert, dem wird und kann die Schule nimmermehr als ein Mechanismus erscheinen.
Doch ist bei allem Aufwand von Kraft und Erfahrung dieser Teil der Schularbeit ein verhältnismäßig leichter; der Stolz darüber, wie wir es herrlich weit gebracht, wird zur Demut gestimmt angesichts des Zugeständnisses, zu welchem wir genötigt sind, daß all' unsere Arbeit den erhofften Segen doch nicht trägt, weil ihr noch die innere Harmonie fehlt, weil sie des zu- sammenhaltenden Gedankens ermangelt; wir unterrichten zu viel und erziehen zu wenig; wir lassen uns zu leicht daran genügen, das Wissen als bloßes Ornament gelten zu lassen und ver- stehen noch zu wenig von der Kunst, die Freude an dem Ernst der Arbeit zu erziehen, die Erkenntnis zu vermitteln, daß der volle Lebensgenuß in dem Hochgefühle zu suchen ist, einen Kreis von Pflichten ganz und völlig zu beherrschen. Zwar nimmt das Mädchen genug Wissen mit hinaus aus der Schule, um ein Verlangen zu empfinden, tiefer in die Natur der Dinge ein- zudringen, seinen Gesichtskreis zu erweitern; aber die Basis ist nicht breit und fest genug, um aus eigener Kraft, ohne fremde fortgesetzte Anleitung und Beihülfe selbständig die weiterführenden Wege zu finden..
Die täglich gemachte Erfahrung bestätigt überdies, daß eine nach Abschluß der Schul- zeit fortgesetzte wissenschaftliche Weiterbildung der weiblichen Jugend so gut wie ganz außer Betracht bleiben darf.
Ein gründlich angeeigneter Wissensschatz, welchen die Schule vermittelt, wird also des wissenschaftlichen Gesichtspunktes zunächst entraten dürfen. Die heranwachsende Jungfrau soll von der Schule mit denjenigen Kenntnissen ausgerüstet werden, welche sowohl in Bezug auf die ökonomischen Pflichten ihres Haushalts, wie auf die socialen Anforderungen ihrer ge- sellschaftlichen Stellung ihr die Selbständigkeit ihres Auftretens, die Freiheit ihres Handelns verbürgen.
Daß die höhere Schule die für das bürgerliche Leben unbedingt erforderlichen Kennt- nisse nach Umfang und Durchübung in mindestens ebendemselben Matze vermittelt, wie die Elementarschule, wird vorausgesetzt. Sie soll und will aber mehr leisten. Vor Allem auf dem Gebiete der Muttersprache, dem auch für die höhere Mädchenschule von Natur gesetzten zweifel- losen Mittelpunkte alles Unterrichts, will sie den Reichtum der Sprechmittel, wie den uner- gründlichen Schatz der litterarischen Erzeugnisse in ihren besten Erscheinungen der Jugend zu eigen machen. Daß es sich hier um heimisches, von den Vätern vererbtes Gut handelt, braucht


