Elisabethenschule seit Jahren einer ganz besonderen Fürsorge sich erfreut hat. Um so dringen- der tritt darum aber auch an uns das Gebot der Pflicht, die prinzipiellen Erziehungsfragen ernstlich in Erwägung zu ziehen.
Keine sittliche Arbeit gedeiht, wenn sie nicht unter der Herrschaft eines klar ausge- dachten höheren Gedankens steht; ihrem Gedeihen droht keine größere Gefahr als die offen- bare Meinungsverschiedenheit der Mitwirkenden über die letzten Zwecke. Aber auch der Über- gangszustand der Unklarheit, der latenten Differenz, ist mindestens sehr bedenklich; denn hier übt ihre Tyrannei die Mode.
Was für das jugendliche Alter Beispiel und Gewöhnung bedeutet, ist für das erwachsene Geschlecht die Mode. Sie ist das Gesetz, welches von einer anscheinenden Mehrheit gelehrt, ver- treten, gehandhabt wird, im Guten wie im Schlimmen. Dem Einzelnen mangelt es an selb- ständigem Urteil, Berechtigtes von Bedenklichem unterscheiden zu können; er fügt sich und fühlt sich durch das Urteil der Majorität gedeckt. Oder es fehlt ihm der moralische Mut Protest zu erheben gegen das erkannte Verwerfliche; er ordnet sich unter, und die Gewöhnung bringt bald die Stimme des widersprechenden Gewissens zum Schweigen; er fürchtet die Lächerlichkeit, welche die selbständige Ausnahme verfolgt, und trägt lieber mit Widerstreben die aufgedrungene Uniform. Die Mode ist die erklärte Feindin jeglichen Anspruchs einer Berechtigung der Indivi- dualität; sie schreitet gewaltthätig hinweg über die Berücksichtigung körperlicher und geistiger Anlagen und besteht mit Hartnäckigkeit darauf, daß das Kind einen bestimmten Bildungsgang nehmen, bestimmte Kenntnisse sich aneignen soll; sie sündigt blind gegen die Harmonie der Kräfte, mit welchen die Natur das Kind ausgestattet hat, und vergißt, daß nicht aus Jedem sich Alles machen läßt. Mode nennen wir darum das eherne Gesetz, welches die Kinder, inbeson- dere die Mädchen an das Klavier fesselt und erst dann seine Gewalt löst, wenn nach unsäg- licher Mühe und vergeblicher Anstrengung die Erkenntnis der Unfruchtbarkeit eingetreten ist. Mode nennen wir auch die schwachmütige Nachsicht, die sich nicht entschließen kann bei Zeiten dem jugendlichen Vorwitz entgegen zu treten und eine Dreistigkeit erzieht, welche die größte Feindin alles dessen werden muß, was man Pietät nennt. Haben wir den Mut solch mächtiger Strömung kühn entgegen zu treten? Sind wir berechtigt uns von jeder Unterordnung unter diese Tyrannei frei zu sprechen? Sind wir nicht auch Kinder unserer Zeit?
Darum greift auch in unseren Schulbetrieb jene mächtige Hand ein und trübt uns den klaren Blick, welcher ein ruhig überlegtes und bestimmt formulirtes Endziel nicht aus dem Auge
lassen sollte.
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Drei Seiten des Unterrichts unterscheiden wir, sowohl in Rücksicht auf Lehre wie auf Erziehung.
Voran steht die wissenschaftliche Unterweisung, nicht weil ihr vermöge ihres inneren Wertes die erste Stelle gebührte, sondern darum, weil ihr die meiste Arbeit zugewen- det wird und sie die meisten kontrollierbaren Erfolge aufzuweisen hat. Ihr Spielraum ist ein sehr weitgreifender; die zu betreibenden Fächer sind jetzt wohl als im Ganzen feststehende anzusehen; doch ist der Wechsel nicht völlig ausgeschlossen; lihre Zusammenstellung hängt ab vom LZeit- geschmacke wie von gesellschaftlichen Anforderungen, muß Rücksicht nehmen auf die Kreise, welcher die Schülerinnen entstammen, mufß die Stellung im Auge behalten, welche die küuftige Prau als selbständiges, mündiges Glied der Gesellschaft einnehmen wird.] Die Praxis des Unter-
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