nicht gleich sei, sondern ein bessrer.« Wie wenige Söhne freilich erfüllen auch nur annähernd die enthusiastischen Erwartungen der Eltern; da hört man immer weniger von den Freudeäu- Berungen, mit welchen das Kind begrüßt wurde; und ob auch die mütterliche Liebe immer heller aufleuchtet, je mehr sie auf die Probe gestellt wird, sie vermag nichts zu erzwingen und bescheidet sich auch gerne, wenn der Sohn gesund an Leib und Seele eine bescheidene mittlere Stellung sich erringt, deren Pflichtanforderungen seine Leistungsfähigkeit zu entsprechen vermag.
Ist es nicht demgegenüber eine Ungerechtigkeit, wenn die Tochter mit einem gewissen Bedauern empfangen wird, wenn man ein töchterreiches Haus als ein hoffnungsarmes bemit- leiden möchte?
Mit Spiel erfüllt das Töchterchen seiune Kinderjahre; seiner zarten Natur darf der Ernst einer Arbeit nicht zugemutet werden; sogar die schwerere Kost der Unterhaltungslektüre des Knaben verträgt es nicht; statt dessen verschlingt es frühzeitig die weichlichen Produkte einer sentimentalen Schriftstellerei, welche fast ausnahmslos nicht so harmlos ist, als sie wohl scheinen möchte, und im besten Falle nur die Phantasie erhitzt. Selten nimmt der Vater Kennt- nis von dieser Kost; die Leitung des Kindes bleibt der Mutter überlassen. So geht denn die Tochter den viel betretenen Weg, den schon Mutter und Schwestern wandelten, besucht dieselbe Schule, treibt Musik, vielleicht noch etwas Malerei, hält ihre Kränzchen u. s. w. In seltenen Fällen wird darnach gefragt, ob denn nicht etwas Besonderes in ihr stecke, was die Pflege lohnen würde; kein ernster Blick in die Weite des Lebens wird ihr eröffnet, keine Sorge darf sie berühren. Die Zukunft überläßt man vertrauensvoll dem Glück; in welche Lebenslage die Tochter versetzt werden möge, läßt man außer Betracht; Eins aber wartet ihrer gewiß, nämlich die Erfahrung, daß in jeder Form, die das Leben auch für sie gewinnen mag, die Sorge einen Platz beanspruchen wird, daß ihre Kräfte sowohl im Leisten wie im Ertragen auf harte Proben gestellt werden wird. Wohl ihr, wenn der jugendfrohe Mut stark genug ist den Übergang getrost zu ertragen, wenn nach jeder Probe das Selbstvertrauen kühn sich wieder aufrichtet, und wenn auch in dem Falle, daß ihr keine starke Mannesnatur zur Seite steht, die eigene Kraft ausreicht von der Zukunft noch Etwas zu erhoffen. Zuverlässig zeigt sich ihr das Leben in der mitleidlosen Erfahrung anders, als das Spiegelbild in der jugendlichen Phantasie dasselbe gezeichnet hat;»nah' bei einander wohnen die Gedanken, doch hart im Raume stoßen sich die Sachen.«
Und wie stellte sich das öffentliche Urteil zu den Fragen der Mädchenerziehung?
Es ist noch nicht so lange her, da hielt jeder halbwegs tüchtige Lehrer es für ein Ab- irren von seiner Lebensbahn, wenn er sich entschloß an einer Mädchenschule tätig zu sein; wir wollen sogar nicht einmal behaupten, daß zur Stunde dieses Vorurteil schon ganz verschwun- den wäre. War dasselbe ganz ungerechtfertigt? wohl nicht so durchaus; man folgte dem Zuge der öffentlichen Meinung. Konnte die Arbeit auf einem Boden, welchem so ganz und gar alle festen Grenzen und Normen mangelten, eine dankbare sein, wenn sowohl die Behörden wie auch das nächst beteiligte Elternhaus diesem Unterrichtsgebiete so wenig Bedeutung beizulegen schienen, wenn man dasselbe vorzugsweise Privatunternehmungen überließ, wenn eine auch nur materielle Gleichstellung der Unterrichtsanstalten für beide Geschlechter in so weiter Ferne zu liegen schien?.
Diese Zeiten sind nun im Schwinden begriffen; besonders dürfen wir es rühmen, daß in unserer Stadt die traditionelle Stellung eine wesentlich begünstigtere war, und daß gerade die


