Jahrgang 
1883
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Die Gesetzgebung, welche das Mädchenschulwesen, soweit dasselbe die Elementarschule überragt, zu regeln hätte, ist noch nicht über die Vorberatungen gediehen. Die Verwaltung lehnt sich im Allgemeinen an die Bestimmungen, welche die höheren Knabenschulen betreffen; doch auch hier sind in der Praxis große Verschiedenheiten zu bemerken.

Die Organisation hingegen ist ganz dem lokalen Ermessen überlassen keine Be- stimmung über Umfang der Schule, Klassenzahl, Unterrichtsdauer, über Unterrichtsgegenstände, Ausdehnung der Gebiete und Klassenziele, Methode etc. Daher die Erscheinung, daß kaum zwei höhere Mädchenschulen in Deutschland zu finden sind, deren Organisation in den Hauptzügen übereinstimmt.

Über diese Freiheit der Bewegung sollten wir uns doch lieber freuen als Klage führen; sie bietet uns doch Gelegenheit allen berechtigt scheinenden Wünschen Rechnung zu tragen; sie verschafft uns die Möglichkeit neue Ideen in der Praxis zu erproben und so stetig fort- zuschreiten. Gewiß lauter schätzbare Vorteile. Ihnen steht aber gegenüber die Isolierung auf die lokale und persönliche Erfahrung, der Mangel einer Anlehnung an die Gesammttradition, die Einseitigkeit des Vorgeheus, das auch bei dem besten Willen die Fehler nicht vermeiden wird.

Daher die Prinziplosigkeit auf dem Gebiete der öffentlichen Mädchenerziehung, daher das Tasten im Finsteren, die großen Mißgriffe im Einzelnen wie im Ganzen.

Die Knabenschulen haben bestimmte Ziele im Auge; sie verleihen bestimmt vorge- schriebene Berechtigungen, d. h. sie bieten die Vorbildung sei es für bestimmte Stellungen im öffentlichen Leben, sei es für merkantile, industrielle oder technische Zwecke.

Solche Organisationsfragen kommen in den höheren Mädchenschulen nach dem heutigen Stande der Dinge nicht in Betracht. Aber auch in dem höheren Knabenschulwesen betreffen sie wesentlich nur die Seite des Unterrichts; die Seite der Erziehung ist daneben freilich auch scharf betont; der Jüngling soll zum Manne erzogen werden; sein sittliches Urteil soll gereinigt werden; seine künftige Stellung als selbstständiges Glied in der politischen, religiösen und bürgerlichen Sphäre wird vorgebildet; er wird bekannt gemacht mit den großen Problemen, welche die Vergangenheit bewegten und die Gegenwart erfüllen: als charaktervoller Manu soll und muß er Stellung zu denselben nehmen.

Berühren diese Fragen das weibliche Geschlecht nicht auch? und wenn dasselbe nicht in gleicher Weise direkt an der Lösung dieser Rätsel mit beteiligt werden kann und darf, leidet es nicht wenigstens mit unter den Stürmen der Gegenwart? muß es nicht auch Stellung zu denselben nehmen? Bedarf es darum etwa weniger der Klarheit der Einsicht, wie der sitt- lichen Kraft des Willens? Ist also die Erziehung unserer Töchter weniger wichtig? Dürfen und können wir uns darum der Notwendigkeit entziehen, daß wir uns immer und immer wieder die Frage vorlegen:

Welches Ideal verfolgen wir bei der Erziehung unserer Töchter?

Welche Freude herrscht in einem Hause, wenn dasselbe durch die Geburt eines Sohnes ist beglückt worden; von Stolz erfüllt sind Vater und Mutter; Talente werden frühzeitig ent- deckt, hochfliegende Pläne werden geschmiedet. Auf seine Erziehung wird Alles verwendet; da ist keine Ausgabe zu groß, wenn der Sohn nur dadurch gefördert wird; jeder Schritt, den er in seiner Geistesausbildung vorwärts schreitet, wird beobachtet; sogar der Vater findet noch Zeit, sich um des Sohnes Hausarbeit zu bekümmern, denn er hofft stets,»daß der Sohn dem Vater