und die ersten naiven, so köstlichen Schlußfolgerungen zieht, der wird es begreiflich finden, wenn das Auge des Vaters und der Mutter sich kleinen Schwächen gegenüber verschließen und das Unkraut nicht bemerken will, das in gleicher Zeit Wurzel faßt und zu treiben beginnt. Die derbere Art des Knaben verrät diese Ausartungen schon eher; sie nimmt darum scheinbar die Nachsicht früher und mehr in Anspruch; man vergißtt wohl dabei, daßz das anschmiegende Wesen des Mädchens fast instinktiv sich darauf versteht diese Schattenseiten zu verdecken und die Tu- gendseite hervorzukehren. Zeigt sich bei dem Knaben die Neigung das Gebot zu umgehen, so offenbart sich bei dem Mädchen der Tugendstolz; ist dort die Konsequenz der Trotz, so hier der Eigensinn; artet dort die Lebhaftigkeit in Gewaltthat aus, so führt hier die frühzeitig entwickelte schärfere Beobachtung zu heimlicher, spitzer Neckerei; fließt dort aus derselben Quelle die Un- mälzigkeit, so hier die Naschhaftigkeit; gibt dort die Faulheit Veranlassung zu anhaltender Klage, so bekämpfen wir hier schon frühzeitig die Oberflächlichkeit, Flüchtigkeit, Flatterhaftigkeit. Sind die Schattenseiten der Mädchennatur, verglichen mit den gröberen Sünden des Knaben, etwa geringere Übel?
Mögen auch die Beobachtungen des Elternhauses diejenigen der Schule in individueller Schärfe übertreffen, so ist das Beobachtungsfeld der Schule ein um so größeres. Licht und Schatten werden greller, weil in einer Klasse die gleichartigen Geister sich sofort zusammen- schließzen: die Einzelsünde fühlt sich gedeckt und berechtigt, sobald sie von Mehreren geteilt wird; überraschend schnell verbreitet sich der Einfluß einer einzelnen Persönlichkeit über eine gaoze Klasse und wirkt potenzierend auf jede Andere, im Guten selten, meist im Schlimmen.;
Leider besteht zwischen den beiden Beobachtungsweisen so wenig Austausch! Man redet so viel von einer Verständigung zwischen Haus und Schule, von einem Zusammenfließen der beiderseitigen Bestrebungen; es sind so viel Anläufe schon unternommep, so viele Versuche einer Verständigung angebahnt: und immer noch die alte Klage? warum sucht man denn nicht die rechten Wege mit Eifer und schafft Rat?
Sollten wir nicht auch hier einer Unklarheit begegnen, die dieser Frage zu Grunde liegt? Ja, wenn wir nur wüfsten, über was die Verständigung gesucht werden soll!
Die meisten Kinder gehen durch unsere Schulen, ohne daß das Elternhaus auf direktem Wege etwas Anderes von Seiten der Schule erfährt, als der Inhalt des halbjährigen Zeugnisses besagt, und auch dieses bewegt sich nur in kurzen Prädikaten, die jeder Individualisierung ent- behren; kommt aufßerdem noch eine direkte Nachricht an die Eltern, so ist sie fast ausnahms- los eine unangenehme.
Die Schule wiederum erfährt von dem Hause noch weniger, man mütte denn eine Ent- schuldigung oder eine Dispensationsanfrage für eine Nachricht nehmen.
Was dagegen im Innern der Schule vor sich geht, was in den zahlreichen Konferenzen geplant und beraten wird, was den Geist der Schule konstituiert, von welchen Gründen diese oder jene Maßznahme gestützt wird, davon verlautet nach aufen so gut wie gar nichts.
Eine Knabenschule ist in dieser Beziehung mehr in die 6ffentliehkeit gestellt; das Gym- nasium, das Realgymnasium ist vom Staate gesetzlich geregelt, Unterrichtspläne nach Umfang und Zielen sind festgestellt, Gesetze und Verordnungen werden veröffentlicht, eine in's Einzelne gehende Prüfungsordnung bestimmt genau die Bedingungen der Reife zum Abgang.
Anders steht es bei den höheren Mädchenschulen.


