1. An die Eltern unserer Schülerinnen!
Der Abschluß des gegenwärtigen seinem Ende sich zuneigenden Schuljahres bietet uns wiederum die erwünschte Veranlassung, auf den folgenden Blättern Ihnen einen Einblick zu eröffnen in die Geschichte unserer Arbeit, unserer Sorgen und Mühen, unserer Freuden und Hoffnungen. Sie werden in den einzelnen Abschnitten teils Bekanntes, teils Neues finden, jedenfalls aber für Beides auch Erwägungen und Begründungen, die ganz besonders an Ihre Berücksichtigung appellieren und damit die Berechtigung eines schriftlichen Verkehrs mit Ihnen unterstützen.
Wie wir uns gedrungen fühlen das Gesammtergebnis unserer Schularbeit als ein günstiges mit Dank anzuerkennen, so müssen wir an erster Stelle wiederum auch des Ver- trauens rühmend gedenken, welches von Seiten der Behörden wie unseres Freundeskreises in zahl- reichen Beweisen sich bestätigt hat. Wützten wir uns nicht gestützt und getragen von dieser wohlwollenden Aufmerksamkeit, welche alle unsere Schritte wohlmeinend begleitet, wir würden oft genug von der Angstlichkeit überwältigt werden und aus Besorgnis vor Mißdeutung Manches unterlassen, was vielleicht auch übel gedeutet werden könnte. Wir sind aber der festen Zuver- sicht, daßz, wie wir unausgesetzt die Augen offen halten für die unserer Arbeit naturgemäß an- haftenden Schäden und Mängel, in gleicher Weise auch unsere Freunde die Geduld nicht werden schwinden lassen, welche von unserer Bemühung Besseres erhofft.
Denn darüber besteht unter ans wohl kein Zweifel, daß noch viel Kraft und viel guter Wille unnütz aufgewandt wird von Seiten der nächststehenden Erzieher, die als solche berufen sind. Sogar Vater und Mutter sind in ihren Maßnahmen nicht selten von ganz verschiedenen Anschau- ungen geleitet. Wie viel größzer ist die Gefahr in dem Organismus einer großen Schule. Der Hände sind zu viele durch welche die Kinder gehen. Kaum ist die Klasse unter einer festen Hand sicher geführt, so wechselt die Leitung; neue Lehrkräfte müssen die Verständigung wieder suchen; bis das unumgängliche Vertrauen gefunden ist, vergeht viel kostbare Zeit und die Gefahr eines neuen Wechsels droht in bedenklicher Nähe. Die Eltern leiden nicht minder wie die Jugend unter diesem steten UÜbergang; sie gewinnen keiuen so gewissen Anhaltspunkt unter den Lehrern, daß sie sich mit bestimmtem, persönlichem Vertrauen an einen derselben um Rat- und Hülfe wenden könnten. Dazu fehlt ihnen der allgemeine Maßsstab für die Beurteilung des einzelnen Kindes. Sie haben nur Gelegenheit an dem eigenen Fleisch und Blut Beobachtungen anzu- stellen und Erfahrungen zu sammeln; ihr Blick wird darum getrübt durch die mehr oder weniger, aber in gewissem Maßze zweifellos immer vorhandene so natürliche Voreingenommenheit. Wer Gelegenheit hat oder gehabt hat mit stiller Beglückung zu gewahren, wie die Kinderseele ihren Kelch öffnet und in ihrem ungetrübten Spiegel die Umgebung, die kleine Welt aufgefangen wird, wie die harmlose Art der kindlichen Beobachtung die ersten Kombinationen unternimmt


