Jahrgang 
1882
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14 aber ganz individuell; kein Lehrer hatte, außer seiner persönlichen Erfahrung, noch eine Tradition hinter sich, auf die er sich berufen und verlassen konnte; der noch unerfahrene oder didaktisch ungeschickte Lehrer tastete im Dunkeln und litt gar Schiffbruch. Daher stammt wohl auch die hergebrachte Meinung, als sei der Unterricht der Mädchen schwieriger als derjenige der Knaben.

So lange der Unterricht auf Gebieten sich bewegt, welche vorzugsweise den Anspruch einer gedächtnißmächtigen Aneignung an die Jugend stellen, wie z. B. die Sprachen, Mathematik, Rechnen, kommt die ethische Persönlichkeit des Lehrers weniger in Betracht. Sobald aber der Unterrichtsstoff das eigene Urteil des Lehrers herausfordert, wie z. B. die Religion, Literatur, Ge- schichte, beginnt die weibliche Jugend, mehr wie die männliche, den Ausdruck der persönlichen Stellung des Lehrers zu fordern. Ist er im Leben wie in seiner Wissenschaft gereift, steht er der Jugend gegenüber, nicht als der kühle Kritiker, sondern als ein geschlossener Charakter, dessen Auge offen und dessen Herz warm geblieben ist, so ist er für die Jugend die Autorität, welche keinen Widerspruch mehr erfährt. Unter solcher Leitung läßt die Schülerin sich Alles zumuten, auch das Schwierigste wird sie zu bewältigen suchen. Um so gewissenhafter wird er darum auch bedacht sein müssen, daß er diesen Eifer nicht mißbraucht, daß er seine Arbeit nur als einen Teil der Pflichten ansieht, welche die Schule zu erfüllen hat.

In erster Linie erstrecken sich diese Pflichten der Schule auf die Mitteilung von Kennt- nissen, deren die Frau in ihrer häuslichen Stellung nicht entraten kann. Sie soll die elemen- taren Fächer mit Sicherheit peherrschen; sie soll die Feder gewandt und sicher zu führen wissen; sie muß mit Maß und Zahl durchaus vertraut sein; sie soll für die Erscheinungen in der Natur Beobachtung und Verständnis geschärft haben. Das sind Kenntnisse und Fertigkeiten, die sie mit dem Manne gemein liaben muß. Doch nun beginnt ihr persönliches Gebiet. In ihrer Hand liegt es, ihre Umgebung so zu gestalten und zu ordnen, daß dieselbe zu dem Reflex ihres Schönheitsgefühls wird. Dies sinnige Walten ist ihre Domäne; kein Mann kann ihr diese streitig machen. Nur glaube man nicht, daß dieser feine Sinn als vollendeter Besitz schon eine Gabe der Natur sei. Auch er muß erzogen werden; viel vermag das mütterliche Vorbild, aber ebensoviel soll die Schule zur Ausbildung dieser Seite der weiblichen Natur beitragen. Die Selbstständigmachung des Farben- und Formensinnes wird durch mancherlei Mittel erstrebt, aber er macht an sich noch nicht das aus, was man Geschmack nennt. Es fehlt noch ein ethischer Bestandteil, um ihn über die Mode des Tages zu erheben, die Läuterung der Persönlichkeit durch die Kenntnis des wirklich Großen und Ewiggültigen, das die Kunst alter und neuer Zeit geschaffen hat. Hier breitet sich ein weites Gebiet vor uns aus, das zu viel bietet und die weise Beschränkung zur ersten pädagogischen Rücksicht macht. Für diese Erscheinungen ist der weibliche Sinn stets offen; was Literatur oder Malerei oder Musik bieten, die Frau pleibt ihm stets zugänglich und sucht es ihrer Natur zu assimilieren. Aber sie will angeleitet sein, um das eigene Urteil stets korrigieren zu können. Hier soll die Schule die Grundlage legen, durch ein festgefügtes historisches und ästhetisches Verständnis; wohl kein Unterricht steht in dankbarer Erinnerung, als die Stunden, welche der Frau ehedem das Reich des Schönen erschlossen und ihre ersten Schritte leiteten.

Ist das weibliche Geschlecht dem männlichen überlegen, sobald es darauf ankommt, Interesse und Verständnis zu entfalten für die Vererbung und Ausbildung künstlerischer Ideen, für die verwandtschaftliche Ergänzung der einzelnen Kunstgebiete, so tritt es dafür zurück,