11
steuern, so lange es noch klein ist, straft auch nicht nur obenhin, um nur der Form genügt zu haben, sondern geht der Störung der Ordnung nach bis auf den Grund, sucht womöglich die letzte Wurzelfaser ploszulegen und säubert den Boden bis in die Tiefe, um einer Wiederkehr des Uebels möglichst vorzubeugen. Bringen wir sie wieder zu Ehren; betrachten wir diese Wachsamkeit nicht als eine fatale Notwendigkeit, welcher wir uns leider nicht entziehen können, sondern als eine heilige Pflicht, zu welcher wir perufen sind, so vergelten wir damit am besten das hohe Vertrauen, welches die Eltern in uns setzen, daß wir ihre Sorge zu der unsrigen machen und nicht nur die Leistung der Arbeit kontrollieren, sondern mit der geistigen Entwicke- lung auch die sittliche Tüchtigkeit der einzelnen Schülerin in treuer Wachsamkeit pflegen.
Wie wird die Schule ihre Aufgabe nach diesen peiden Seiten hin aufzufassen haben?
Den Gesammtbesitz dessen, was die Schule mitteilen will und soll, fassen wir zusammen als Schulbildung; die Schule soll die Jugend bilden; als gebildete Menschen sollen die Zöglinge der Schule in das Leben hinüber treten und sollen sich dessen immer mehr bewußt werden, daß sie die Grundlage ihrer Bildung der Schule verdanken. Sind die Eltern sich klar bewußt, welchen Anspruch sie an die Schule stellen, wenn sie derselben ihre Kinder zur Bildung übergeben? Hat die Schule ihre Absichten klar formulirt, so daß sie in jedem Augenblicke selbst ihre Schritte und Maßnahmen scharf abmessen, Rede und Antwort stehen kann?
Ihre Thätigkeit ist jederzeit eine eminent künstlerische. Wie der Bildner, welcher aus Holz, Erz oder Stein ein Kunstwerk gestalten will, sich über seine künstlerische Absicht völlig klar geworden sein, sich ein Ideal geschaffen haben muß, nach welchem er seinen Stoff formt, so soll auch die Schule ein Ideal vor Augen haben, nach welchem sie das ihr Uebergebene künstlerisch gestalten will. Von dem Wesen des Ideals ist aber seine Unerreichbarkeit unzer- trennlich; je tiefer der Künstler in das Wesen der Kunst dringt, um so höher steigen seine Ideale; er wird sich nie selbst genügen können; er wird sich durch Beifall und Bewunderung nicht blenden lassen; stets wird er sein Ideal mit seiner Leistung vergleichen und darum der schärfste Kritiker der Schwächen seines Werkes bleiben. Nicht minder unerläßlich pleibt ihm die völlige Klarheit seiner künstlerischen Idee. Jedes Schaffen ins Ungewisse heißt Zeit und Material verderben; von einem Reifen in der Kunst und von einer eigenen Befriedigung kann dabei keine Rede sein.
Befindet sich die Schule nicht in gleicher Lage? darf sie das höchste, was ihrer künst- lerischen Pflege anvertraut werden kann, die bildungsfähige Jugend, freventlich mißbrauchen? Hier treibt nicht nur ein künstlerischer Gedanke, der zur That werden will, sondern eine heilige Pflicht gebietet, in deren Dienst die Schule getreten ist, um göttlichen und menschlichen Zwecken sich unterzuordnen. Sie kann darum ihr Ideal nicht selbst sich geben, denn sie findet dasselbe schon vorgezeichnet; der Gegenstand, den sie bilden soll, ist nicht ihr persönliches Eigentum, mit dem sie nach Willkür verfahren könnte, sondern im höchsten Sinne anvertrautes Gut; ihre getreueste Pflichterfüllung findet nicht Staunen und laute Bewunderung, sondern den stillen Lohn des erhebenden Bewußstseins getreu gewesen zu sein in dem Dienste einer großen Sache.
Da sie also Rechenschaft ablegen muß über Erstrebtes und Erreichtes, so muß sie über das Bildungsziel, welches sie verfolgt, pestimmte Normen öffentlich anerkennen. Sie muß das Wesen dessen, was die Bildung umfaßt, ergründen, muß erklären, wie weit sie für die


