Jahrgang 
1882
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bethenschule hat in diesen Erweisungen ihrer Lebenskraft wohl noch nichts eingebüßt. Einen jungen Baum kann man wohl gerade richten und ziehen, wie der Wille des Gärtners dies wünscht; einen achtzigjährigen Baum dagegen wird keines Menschen Kraft mehr in seiner Haltung wesentlich verändern können. Doch bpleiben wir weiter im Bilde: von bedeutendem Einflusse auf die Gesundheit und Frische des Ganzen bleibt die Pflege dennoch: es gilt den Grund und Boden, in welchem er wurzelt, zu reinigen und zu lockern; es gilt das kranke und abge- storbene Holz aus ihm zu entfernen, damit der Fäulnißprozeß nicht weiter um sich greife; es gilt auch entstandene Wunden zu verbinden, um den Heilungsprozeß zu beschleunigen und die Kräfte nicht verbluten zu lassen. Diese Pflege verlangt stete Aufmerksamkeit, fordert Besonnen- heit und Entschlossenheit auch da einzuschneiden, wo die Hand vielleicht mit Widerstreben ans Werk geht. Wie weit auch diese Funktion uns nicht erspart bleibt, daran mahnt uns die Erfahrung jedes Tages.

Nichts treibt den Menschen rascher zur That, als wenn er die Würde der verletzten Ordnung durch die Strafe wieder herstellen zu müssen glaubt; in keinem Falle jedoch begeht er leichter und schneller selbst eine Ungerechtigkeit, als wenn er die beleidigte Gerechtigkeit zu vertreten meint. Denn nichts widerstrebt der Gerechtigkeit mehr als die Leidenschaft, die in der Hitze des Zornes straft; ihr folgt die Reue auf dem Fuße und erzeugt bei dem Gestraften naturgemäß Verbitterung, vielleicht auf die Dauer Verstockung, Alles das Gegenteil der strafenden Liebe, welche mit der Sühne der Strafe auch schon die Hand zur Versöhnung bpietet. Nicht als ob die Strafe des Zornes entbehren könnte: aber ein anderer ist der Zorn, die still kochende leidenschaftliche Erregung, welche nahe verwandt ist mit der Freude der rächenden Vergeltung, eine elementare Regung der ungeläuterten Natur, die zum Erziehen nicht berufen ist; und ein anderer ist der hell flammende Zorn, die Entrüstung, nicht über den Sünder, welcher gefehlt hat, sondern über die Mißachtung des Gesetzes, den Leichtsinn, die Gedankenlosigkeit der Jugend, welche so oft das Gebot der Ordnung vergift. Dieser Zorn ist weit entfernt von der persön- lichen Gereiztheit, will nicht selbst Gesetz sein, sieht also auch die persönliche Autorität niemals in Gefahr gebracht, sondern stellt sich mit Bewußtsein selbst unter das Gesetz, welches verletzt ist, und ist darum auch berufen, die Würde des Gesetzes zu vertreten. Diese im höchsten Sinne väterliche Entrüstung ist auch einzig geschickt in der Schule, der erweiterten Familie, die strafende Instanz zu vertreten; so frei sie selbst ist von Erbitterung, so wenig kann sie ein Gefühl der Bitterkeit zurücklassen; statt zu trennen, verbindet sie um so fester; statt zu trüben, läßzt sie die erwärmenden Strahlen der väterlichen und mütterlichen Liebe um so heller durch- leuchten; statt der Entfremdung des Schuldbewußtseins, des bösen Gewissens, einigt sie wieder die zu gleichem Streben Verbundenen; die Wege führen wieder zusammen; sie hofft wieder von der Zukunft ein Nichtwiederkehren der Trübung, und je gegründeter diese Hoffnung ist, um so lieber deckt sie den Schleier des Vergessens über das Vergangene.

Diese enge Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, welche den Schulgeist als Familiengeist auffaßt, und ihre Wärme auch in den strafenden Momenten nicht verleugnet, hat die Elisabethenschule von jeher ausgezeichnet. An ihr etwas rütteln wollen, hieße an der Tradition sich versündigen. Sie hat nichts gemein mit der falschen Langmut der mütterlichen Schwäche; sie will nichts verdecken oder vertuschen, nicht lieber beide Augen zudrücken, wenn sie dadurch nur der Notwendigkeit überhoben wird sich erzürnen zu müssen. Im Gegenteil hält sie die Augen zu besonders scharfer Wachsamkeit offen, sucht dem entstehenden Uebel zu