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Einen Wandel hat die Elisabethenschule im Verlaufe des Schuljahres erfahren, welcher in der Lebensgeschichte derselben zu den bedeutsamen Momenten muß gerechnet werden: der bisherige Leiter derselben, Herr Direktor Dr. Weismann, welcher 37 Jahre an ihr als Lehrer wirkte, sodann dieselbe in ihr neues Gebäude als Direktor überführte und noch fünf Jahre ihre Weiterentwickelung überwachte, trat am 1. Oktober 1881 in den Ruhestand. Was er der Schule gewesen und was sie ihm verdankt, würde an dieser Stelle mit kurzen Worten sich nicht füglich aussprechen lassen. Es hieße aber auch Ueberflfüssiges unternehmen, da der größere Teil der einheimischen Frauen wenigstens einen Teil ihres Unterrichts von ihm empfangen haben und darum ein treueres Bild im Gedächtnis tragen, als hier die Feder eines mittelbaren Zeugen zu entwerfen ver- möchte. Es genügt zu sagen, daß die Geschichte der Schule wärend der Hälfte der Jahre ihres Be- standes mit seinem Namen verwachsen ist, daß sie mit ihm und unter ihm herangediehen ist zu der Blüte, welche sie, wenn auch nicht zu der ersten ihrer Art in Deutschland macht, so doch sicherlich den ersten ebenbürtig an die Seite stellt. Hier sind eine Reihe der ersten Kräfte unter den deutschen Pädagogen von Namen thätig gewesen; hier wurden nicht wenige Probleme des Mädchenschulunterrichts nicht nur in die erste Erwägung gezogen, sondern auch zugleich praktisch erprobt; ich erwähne nur die Einführung des Turnunterrichts in die weibliche Erziehung:; hierher kamen und kommen von allen Seiten, aus dem In- und Auslande, Abgesandte anderer Städte, um von den Einrichtungen und dem Betriebe der Schule Kenntnis zu nehmen und daheim die gewonnenen Erfahrungen in ihren Kreisen wieder verwerten zu können. An einer solchen Anstalt vier Jahrzehnte mitgewirkt zu haben, ist an sich schon ein seltenes Glück, doppelt hoch aber zu schätzen, wenn nach so langer und schwerer Arbeit die Kräfte noch rüstig genug sind, um auch den Lebensabend, die Feierzeit in geistiger und körperlicher Frische genießen zu können. Der Rücktritt einer„solchen berufenen Kraft muß von der Schule als eine Erschütterung empfunden werden. Sie muß sich besinnen, ob sie Konsistenz genug gewonnen hat, um durch einen Wechsel der Leitung nicht momentan wenigstens in ihrem regelmäßigen Gange gestört zu werden, ob sie Gesetz genug in sich besitzt, daß ein neu hinzutretender Einfluß von ihr ruhig ertragen werden kann, daß sie stärker ist, als der Wille eines Einzelnen, und wäre derselbe auch dazu berufen, ihre Schritte in Zukunft zu lenken. Wir dürfen es von ihr mit Recht erwarten, daß sie diesen Uebergang nicht als eine Störung empfindet, im Gegenteil darf sie beanspruchen, daß der neue Leiter sich in ihr Wesen und ihre Geschichte verständnißvoll einzuleben sucht und dann erst aus ihren Lebensprinzipien heraus mit ihr weiter strebt auf der Bahn, die sie schon seit 80 Jahren verfolgt hat. Doch auch der älteste Baum steht in seiner Entwickelung nie still; durch Wurzel, Stamm und Aeste steigen die Säfte unaufhörlich aufwärts, wenn wir auch die Adern nicht erblicken können; der feste gerade Wuchs und die stolze Haltung bleiben unverändert und dem flüchtigen Beschauer bietet er Jahr um Jahr dasselbe Bild; doch an den Blättern und Zweigen fordert jeder Uebergang seinen Tribut; neue Generationen treten an die Stelle der alten, welche absterben und niederfallen, wenn ihre Zeit abgelaufen ist; hier verwertet sich die jugendliche Kraft des alten Riesen; hier bewührt sich die Regelmäßig- keit des Lebensprozesses auch sichtbar dem Auge; hier zeigen sich zuerst die Spuren der nachlassenden Lebenskraft, wenn Blätter und Zweige verküimmern. Lassen Sie uns im Bilde bleiben; auch durch unsere Schule gehen Jahr um Jahr neue Generationen und nähren sich mit aus der großen Lebenskraft, welche den ganzen Baum durchdringt. An ihrer Frische und
Gedeihlichkeit mag man erkennen, ob das Mark noch gesund und lebensfrisch ist, und die Elisa- Elisabethenschule 1882. 2


