möglichst geringsten Aufwand von Zeit und Kraft zu erreichen strebt. Sie fragt nach dem Prinzip, welches den ganzen Unterricht tragen soll, dringt auf klare Uebersichtlichkeit und leichte Faßlichkeit, stellt die einzelnen Unterrichtszweige so zusammen, daß sie sich gegenseitig stützen und ergünzen; sie ist die erklärte Feindin alles Scheins, welcher für den Augenblick vielleicht blendet und täuscht, in der Folge aber sich unfehlbar rächt und das ganze Gebäude ins Schwanken bringt, wenn es zu spät ist, den erwachsenen Schaden wieder auszugleichen. Sie erkennt ihr letztes und höchstes Ziel, welchem jeder Unterricht als bestes Erziehungsmittel dienen soll, in dem Grundgesetz aller Schönheit, der Harmonie, welche den heranwachsenden Menschen in den Stand setzen soll, seine ihm von der Natur mitgegebenen Kräfte und Gaben künstlerisch zu verwerten, damit sein Leben sich zu einem wahren Kunstwerke gestalte, daß sein Blick mit gleicher Klarheit in die Höhe und in die Weite dringe und er von seinem erstrittenen und behaupteten Standpunkte mit sicherer Hand zu wählen wisse, was zu seinem persönlichen Glück und Frieden dient, daß er nicht minder auch ein offenes Auge und Herz sich bewahre für die ununterbrochene Hülfsbereitwilligkeit, welche er dem engeren und weiteren Kreise seiner Umgebung schuldet, und daß er diese Geneigtheit zu dienen sich nicht abnötigen lasse, sondern als ein frei gespendetes Opfer doppelt wertvoll mache. Dazu betähigt ihn aber einzig und allein die ungeschminkte Wahrhaftigkeit der Selbstprüfung; mit gleicher Offenheit soll er sich selbst wie seinem Gott gegenüber stehen; nur so gewinnt er die Freiheit in dem Streben nach der Wahrheit, die ihn hoch erhebt über Mode und Zwang, die ihr Gesetz in sich selbst trägt und jede Untrene gegen sich selbst als die schwerste Strafe empfindet, bitterer als der härteste Tadel Anderer, aber auch ungeblendet von dem Beifall des Tages ihn den Genuß ganz ermessen läßt, wenn er nach heißer Anstrengung seine eigenen Kräfte wachsen fühlt und mit freudiger Genug- thuung sich sagen darf, daß die Mühe nicht vergebens aufgewendet wurde, daß die Harmonie der eigenen Natur auch auf den Kreis, den er beherrschen soll, glücklich übertragen ist. Dieses höchste Ziel, die harmonische Durchbildung der einzelnen Natur, wird die Schule Lin ihrem Bereiche ja niemals erreichen kännen; dazu genügt kaum ein langes Leben mit seinen tiefer einschneidenden Erfahrungen und Prüfungen; aber ein ahnungsvolles Verständnis dessen, was das Leben fordert und bietet, hat doch auch schon die heranwachsende Jugend in den Jahren ihres Schullebens. Soll und will die Schule ihren Zweck recht erfassen, so darf sie keinen Moment es unterlassen, dieses Verständnis zu klären und zu pflegen. Mit welchen Mitteln und auf welchen Wegen sie dieser Pflicht zu genügen weiß, das ist das Geheimnis des Unterrichts, läßt sich auch nicht in eine Formel fassen, bildet das undefinierbare geistige Fluidum, in welchem der Lehrer mit der ihm untergebenen Jugend sich pewegt, die unausgesprochene Wechselbeziehung, welche jede Stunde des Unterrichts mit einer gewissen Andacht füllt, Alles wertvoll und bedeutend erscheinen lüßtt und für jedes Einzelne empfänglich macht, aber auch eine Empfindlichkeit zeitigt, wie sie nur der Jugend eigen ist, gegen jede Störung dieser so nahen und doch auch wieder scharf abgegrenzten Stellung des Gebenden zu den Empfangenden. Hier beginnt das Gebiet des persönlichen Taktgefühls, das leidenschaftslose Maßhalten und das sorgsame Abwägen sowol dessen, was geboten wird, wie auch der Form, in welcher es mitgeteilt wird. Wer dieses in Worte zu fassen verstände, der hätte das Geheimnis der Pädagogik entschleiert, der müßte zugleich das in der Tiefe Schaffen und in der Stille Wachsen der Menschennatur erlauscht haben; der hätte aber auch einen Frevel begangen an dem Heiligsten des Schullebens, das seinen stillen Zauber als sein bestes Besitztum den Schülerinnen mit hinaus gibt und die Erinnerung so gern
Jahrgang
1882
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