Jahrgang 
1882
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Schülerinnen mit fortreißt, deren Natur eine solche Denk- und Redeweise direkt widerspricht; denn gefährlich ist das kecke Beispiel und machtvoll die Entschlossenheit auch einer Minorität. Vor unseren Augen und Ohren verbirgt sich eine solche Wandlung mit ängstlicher Sorgfalt; um so provozierender dagegen tritt sie da auf, wo sie sich sicher dünkt oder gar glaubt imponieren zu können. Wie sollen wir hier die Fäden in die Hand bekommen oder gar energisch ein- greifen, wenn nicht die mütterliche Sorge und Beobachtung uns die Augen öffnet?

Oder im persönlichen Verkehr eines Lehrers mit den Schülerinnen äußert derselbe ein scharfes Urteil, welches von seinem persönlichen Standpunkte vielleicht berechtigt erscheinen mag, aber für die kritische Fassungskraft der Jugend noch zu maßlos ist: der Unkrautsame fällt unter allen Umständen auf einen empfänglichen Boden, und die Saat wuchert, ehe wir derselben gewahr werden, und wenn wir sie endlich bemerken, so ist es zu spät, um ihren ersten Ursprung zu ermitteln. Woher kann und soll uns eine Mahnung zur Vorsicht kommen, wenn nicht ans dem Kreise, welchem Herz und Sinn dèér einzelnen Schülerin ganz anders sich öffnet, wie uns gegenüber?

Das Einzelurteil lassen wir vielfach beeinflussen durch einen Rückschluß: ist die Klasse in ihrer Gesammtheit gut beleumundet, ist sie fleißig und hält sich gut, so übertragen wir das Gesammtprädikat auch gern auf die einzelne Schülerin: weil sie dieser Klasse angehört, soll sie an dem guten Leumund derselben mit Teil haben. ISt dies Verfahren nicht einseitig? müssen wir nicht unzählige Mal ungerecht werden?

Wie urteilen die Eltern? weil sie diese oder jene Untugend bei ihrer Tochter bemerken, generalisieren sie ebenso, wie wir spezialisieren, und sagen: was für ein Ton muß in der Klasse, resp. lieber gleich in der ganzen Schule herrschen, daß unsere Tochter solche Unarten an sich hat! ist dies Urteil minder schief, wie jenes, welches wir fällen?

Was hat die Elisabethenschule unter solchen einseitigen Beobachtungen und Urteilen nicht schon leiden müssen! denn die abfälligen Urteile, welche sich scheinbar ganz oder auch halbwegs wirklich auf Thatsachen stützen, verbreiten sich auf uns unfaßbaren Wegen; dagegen die Anerkennung des wirklich Tüchtigen findet allerorts nur träge Boten. Sollen wir mit dieser in der Menschennatur begründeten Thatsache hadern? oder uns stillschweigend mit ihr abfinden und mit ihr rechnen? Zum guten Glück dürfen wir das letztere unbedenklich; denn der Kreis unserer Freunde hat sich mit der Zeit weder gelockert, noch gelichtet, und die selbstlose nachsichtige Freundschaft rechnet nicht nach kleinen Dingen; sie weiß auch das Unvollkommene zu tragen. Seit dem 18. April 1803, dem Tage, an welchem die Mädchenabteilung der Musterschule mit 2 Schülerinnen eröffnet wurde, bis heute hat dieselbe vielfache Wandlungen durchlebt; sie darf sich aber rühmen, daß sie in dieser langen Zeit sich selbst und ihrer Tradition nicht untreu geworden ist. Die großen Erfahrungen, welche man auf dem gesammten Unterrichtsgebiete gesammelt hat, sind auch von ihr erprobt und verwertet worden; als eine der ältesten Schulen ihrer Art in Deutschland hat sie nicht nur das Recht als eine wirkliche Musterschule auf dem Gebiete des Mädchenschulunterrichts angesehen sein zu wollen, sondern auch die Pflicht, sich dieser Stelle bewußt zu bleiben und diesen Rang zu behaupten. Dazu mußte sie selbst ein offenes Auge behalten für die Strömungen der Zeit. Die Forderungen, welche an die Leistungen einer Schule gestellt werden, erwachsen ja einer zwiefachen Wurzel.

Von der einen Seite tritt die psychologische Erfahrung an sie heram und steckt dem Unterrichtsgebiete die Grenzen, normirt auch die Methode, welche das gesteckte Ziel mit dem