18 Taktik und Bewegung noch nicht gesehen habe. Am 5. März 1880 nahm Herr Professor Thorbecke, Direktor der Mädchenschule in Heidelberg, Einsicht von unserm Seminar und wohnte mehreren Unterrichtsstunden bei.
Leider hat unsere Schule in diesem Jahre schwere Verluste zu beklagen. Am 16. April wurde Marie Mommsen, Schülerin der Seminarklasse C, deren Hinscheiden wir schon am Schlusse der Prüfung bangen Herzens entgegen sahen, von schwerem Leiden durch einen sanften Tod er- löst. Herr Dr. Fritsch und mehrere ihrer näheren Freundinnen begleiteten mit dem Direktor die Leiche zum Grabe. Am Grabe sprach nach der tief empfundenen Rede ihres verehrten Geist- lichen der Direktor seine innige Teilnahme in schlichten Worten aus, die zum Andenken für ihre Mitschülerinnen hier folgen mögen.»Mit schwerem Herzen genüge ich der heiligen Pflicht, Dir, geliebte Schülerin im Namen Deiner Lehrer, im Namen Deiner Freundinnen, im Namen unsrer ganzen Schule ein inniges Wort der Liebe und des Dankes nachzurufen. Du warst, wie in dem Hause unter den Deinen, so auch in unsern Kreisen ein liebes Bild edlen weiblichen Wesens. Stets freundlich, sittig und bescheiden, eifrig strebend, am liebsten für Andre lebend und mit selbstloser Liebe Alle umfassend, die Dir nahe kamen, hast Du den schönsten Lohn in der treuen Anhänglichkeit, in der herzlichen Hingebung gefunden, die Dir in reichem Mabße von Allen wieder zu Teil wurde. Bewährt hast Du Dein frommes Gemüt in schweren Schmerzens- tagen; sanft und friedlich, wie Dein kurzes Leben, war Dein Hingang.
Indem wir wehmutsvoll scheiden von der Stätte die Deine irdische Hülle aufgenommen, danken wir Dir für all die Freude, die Du uns bereitet hast; in herzlicher Liebe werden wir Deiner, Du liebe, treue Seele, stets eingedenk bleiben.
Unsre feste Hoffnung steht auf Wiedervereinigung!
Am 30. April wurde Ottilie Degener, Schülerin der Klasse VIIIa durch Diphteritis weggerafft. Der Direktor sprach in einem Beileidschreiben die herzliche Teilnahme der Schule aus. Unser Kollege Harnischfeger wurde abermals in herzzerreißendem Jammer an das Grab geführt, in welches er neben den ihm drei Jahre vorher entrissenen geliebten, prächtigen Sohn nun die blühende Tochter betten mußte. Marie Harnischfeger, Schülerin der Klasse Vla, starb am 30. August an einem Herzschlag in Folge von Kopf-Rheumatismus, nach nur kurzer Krankheit. In der Frühe des Sedantages begleitete das Lehrerkollegium den tiefgebeugten Kollegen auf dem schweren Gange zum Grabe seiner ältesten Tochter. Sie war eine musterhafte Schülerin und, was mehr ist, ein durchaus lauteres, nur Liebe athmendes Wesen. Daher war sie von allen ihren Mitschülerinnen als Freundin geliebt, denen sie voranleuchtete in gewissenhafter Pflichterfüllung und kindlich frohem Lebensgenusse. Gott tröste die armen Eltern und insbesondere die so schwer heimgesuchte treue Mutter und lasse sie Ruhe und stille Lebensfreude finden in dem lebendigen, unverlöschenden Andenken an die Verklärte. Herrlich tröstende Worte sprach Herr Pfarrer Ehlers am Grabe und ihr Klassenlehrer Herr Bastier widmete ihr einen warmen aus treuem Herzen fließenden Nachruf.
Wenige Wochen nachher am 18. September starb nach kurzer, schwerer Krankheit Uriederike Brüll, die Tochter des Herrn Rabbiners Dr. Brüll, eine brave, viel versprechende Schülerin der Klasse VIIIa. Der Direktor folgte mit einigen Kollegen der Leiche und drückte dem Vater, der es über sich gewann, seinem eignen geliebten Kinde die Grabrede zu halten, die herz- lichste Teilnahme der Schule aus. Leider gaben auch verschiedene Todesfälle in dem weiteren Kreise der Lehrerschaft traurige Veranlassung, das Gefühl der Zusammengehörigkeit zu betätigen.


