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Eine scheinbar nur äutzerliche, aber wie wir befürchteten, tief in das Leben der Familie eingreifende Neuerung trat, wie wir in der Ansprache bei Einführung der neuen Schülerinnen bemerkten, auf Anordnung der Behörde im Sommer 1879 ins Leben, der Nachmittags-Unterricht wurde auf die Stunden von 3—5, also mitten in die Nachmittagszeit verlegt, weil man eine Uber- einstimmung in den Anordnungen der, so ziemlich aus denselben Familienkreisen gebildeten höheren Schulanstalten erzielen wollte: im Gymnasium, in der Musterschule und Wöhlerschule war nämlich pereits seit längerer Zeit diese Aenderung getroffen worden, daher fand der Antrag unsres Kollegiums auf Beibehaltung der altüblichen Zeit von 2—4 Uhr, dessen Begründung in der vorjährigen Einladungsschrift ausgeführt ist, keine Berücksichtigung. Wir freuen uns aus- sprechen zu können, daß unsre Befürchtung, der Nachmittag werde durch diese Aenderung gar zu sehr zersplittert und entweder die Lernzeit oder die Zeit der Erholung beeinträchtigt werden, sich anscheinend nicht verwirklicht hat. Es sind wenigstens keine Klagen von Seiten der Eltern lant geworden und wir dürfen wohl annehmen, daß unsre Bitte an das Haus, um so eifriger fiber der Benutzung der Zeit zu wachen mit Erfolg erfüllt worden sei.
Die bei dem Aufrücken der Schülerinnen immer sichtbarer werdende Überfüllung der mittleren und höheren Klassen veranlaßte im Sommer vorigen Jahres das Lehrerkollegium zu dem Antrag bei der Behörde, daß bei Aufnahme von schon unterrichteten Schülerinnen nicht nur die ein Jahr vorher festgesetzte Normalzahl der einzelnen Klassen, die sich von 54 in den beiden Klassen IX nach oben bis zu 32 vermindert, streng eingehalten werden solle, sondern nur dann eine Aufnahme statt finden könne, wenn die Normalzahl der Klasse unter die der nächstfolgenden höheren Klasse gesunken sei. Die Behörde genehmigte diesen Antrag. Wir wußten wohl und bedauerten es aufrichtig, datz durch diese Auordnung der Eintritt in unsre Anstalt künftig nur in vereinzelten Fällen möglich werde; aber wir mußten vor der Sorge für das Wohl der Schule alle persönlichen Rücksichten schweigen lassen und konnten der freudigen Zustimmung der Eltern, die uns ihre Kinder anvertraut hatten, gewitz sein. Grade bei der erstmaligen Durch- führung dieser Regel im Herbst wurde es uns doppelt schwer, streng an der Ordnung zu halten, da durch Aufhebung einer Privatanstalt der Zudrang ein ungewöhnlich großer war. Die völlige Ausgestaltung der Humboldtschule. die ja eine der unsrigen gleich wissenschaftliche Einrichtung erhalten soll, wird, so hoffen wir. in wenigen Jahren ähnliche Mißstände beseitigen. Auch für das kommende Halbjahr ist kaum Aussicht, daß eine oder die andere der zahlreich angemeldeten Schülerinnen Aufnahme finde.
Auf Verordnung des Ministeriums der geistlichen und Medizinal-Angelegenheiten vom 21. Januar d. J. wird mit dem nächsten Sommerhalbjahr in allen Schulen die neue Recht- schreibung eingeführt werden. Sie ist in dem, im Auftrage des Ministeriums herausgegebenen Büchlein enthalten: Regeln und Wörterverzeichnis für die deutsche Hechtschreibung zum Gebrauch in den preußischen Schulen. Berlin, Weidmannsche Buchhandlung, 1880. Es steht zu hoffen, daß durch diesen Schritt allmühlich die so wünschenswerte Ubereinstimmung im ganzen Vater- lande herbeigeführt werde. Die Anderungen sind nicht bedeutend und nur pei einzelnen Kate- gorieen von Wörtern fürs alte Auge stérend, und es wird im ganzen nicht schwer werden, sich in das Neue zu finden. Der Haupt-Mißstand, der die Einführung vorerst noch erschwert, wird in einigen Jahren beseitigt werden können, wenn nämlich die eigentlichen Schulbücher in ihren neuen Auflagen die Rechtschreibung angenommen haben. An das Haus richten wir die Bitte. unsre Bemühungen in diesem Punkte freundlichst unterstützen zu wollen. Wir sind überzeugt,


