der Verwundeten eine erhebende Arbeit und in ihr eine neue Lebensaufgabe. Und soll ich Euch noch als leuchtendes Vorbild die edle Schwester unsers herrlichen Theodor Körner vors Auge führen? Sie, die ihren Bruder mit so unbegrenzter Liebe umfieng, trug in heroischer Ergebung das Opfer, das sie dem Vaterland brachte, indem sie den Teuern in den Kampf ziehen ließ: der Seelen- angst, mit der sie ihn auf seiner gefahrvollen Bahn begleitete, begegnete sie mit rastloser Sorge für die Verwundeten, und als der Schlag sie traf, den sie geahnt, als er den Tod fürs Vaterland gefunden, den er in begeisterten Liedern so oft gepriesen hatte, da zeigte sie sich würdig des Bruders und bekämpfte ihren Schmerz in hingebender Arbeit, bis der zu schwache Körper unter dem sieg- reichen Kampfe der Seele erlag und sie zur ewigen Ruhe gebettet wurde neben dem teuren Bruder.
Mögen Euch, Ihr lieben Schülerinnen, solche Schicksalsschläge erspart pleiben und Euer Lebenspfad sich ebener dahinziehen: eines wird Euch nicht erspart bleiben, und auch dafür findet, Ihr die sicherste Waffe in der Arbeit.
»Arbeit ist der Pugend Quell« fügt der Dichter hinzu. Mögt Ihr nun das Wort in seiner ursprünglichen, jetzt nicht mehr geltenden Bedeutung nehmen als Tüchtigkeit überhaupt oder in dem heutigen potenzierten Sinne der moralischen Tüchtigkeit, der reinen Gesinnung, die in Gedanken, Gefühlen und Thaten nach dem Guten strebt und uns dem Göttlichen näher pringt: aus der Arbeit fließt die Kraft. das Gute zu erkennen, ihm im Kampfe mit der Sinnlich- keit in uns zum Siege zu verhelfen und uns dadurch der Achtung und Unterstützung edler Menschen teilhaftig zu machen. Schwer und gefahrvoll ist die Zeit, in der wir lepen. Mannigfach sich steigernde Not und grenzenlose Entsittlichung treten uns überall betrübend entgegen und erschweren den freudigen Gang unsres Lebens.
Wohl Euch, liebe Schülerinnen, wenn Ihr in dem Hause, bei Vater und Mutter und Verwandten noch geborgen bleibt vielleicht selbst vor der Kenntnis der mannigfachen Irrwege, auf denen so viele Menschen zu ihrem Verderben wandeln. Werdet nun thätige Glieder des Hauses: arbeitet unermfdlich an Eurer eignen sittlichen und intellektuellen Vervollkommmung und verwendet den Schatz, den Ihr in Euch gewonnen, zum Nutzen und zur Freude der Euern. und wo es Euch vergönnt wird, zeigt und bewährt Euch als tüchtige Glieder der menschlichen Gesellschaft. Nehmt gern und eifrig Teil an den Bemühungen edler Frauen für das Wohl der materiell oder geistig notleidenden Menschheit: so werdet Ihr, auch wenn die Versuchung an Euch herantritt und der blendende Glanz eines äuferlichen Scheinglückes Euren Blick gefangen nehmen will, Euch in der Arbeit immer wieder zurückfinden auf den rechten Weg, auf dem Ihr von Jugend auf von liebenden Eltern und treu besorgten Lehrern geführt worden seid.
So geht denn mit Gott und nehmet zum Abschied noch den Spruch mit, den ich wohl schon mancher von Each in unserm gemeinsamen Schulleben gegeben habe, der aber gerade in diesem feierlichen Augenblicke wohl noch eine tiefere Bedeutung für Euch gewinnen kann:
Im Sturme nicht verzagen,
Im Sonnenschein nicht ruhn;
Dem eignen Thun nachfragen, Nicht dem, was Andre thun;
Und stets mit sich im Herzen Streng sitzen zu Gericht:
Das schützt vor großen Schmerzen, Macht’s Leben leicht und licht.
Lebt wohl und gedenket gern unser, die wir Euch sicher zu führen treu bemüht
gewesen sind.«


