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ihres Schullebens in dankbarem Herzen bewahren. Und wie gerne möchte ich nur Freudiges zu ihnen reden. Aber der Ernst, der uns Lehrer immer ergreift, wenn wir liebe Schülerinnen aus unsrer Pflege entlassen sollen, steigert sich diesmal zu inniger Teilnahme und tiefer Wehmut. Es fehlt unter den Scheidenden eine liebe Freundin, die noch vor wenig Monaten in ihrer Mitte als eine der eifrigsten weilend, von schwerer Krankheit ans Schmerzenslager gefesselt wird. Möge Gott mit seiner Gnade über dem Leben der stillen, freundlichen Dulderin walten! Seinem Vaterschutze sei sie übergeben.
Seiner väterlichen Führung übergeben wir Lehrer jetzt auch Euch, die Ihr heute aus der Schule scheidet, um in die Schule des Lebens einzutreten. Wir wünschen von ganzem Herzen, daß Ihr in dieser großen Schule wie in der, die Ihr jetzt verlasset, nur in erhöhtem Matze und mit gereifter Kraft Euch dem hingebet, was Euch auf dem sichersten, wenn auch nicht bequemsten Wege hindurchführen kann zu dem Ziele, das uns allen gesteckt ist. Die Arbeit ist es, die dies allein vermag. Haltet in treuem Gedächtnis den Spruch unsres großen Lehrers: Herder:
Arbeit ist des Blutes Balsam; Arbeit ist der Tugend Quell. Durch die Arbeit des Körpers werden seine Kräfte vermehrt, das Blut wird erfrischt und in regeren Umlauf gebracht und das körperliche Wohlbehagen gesteigert, sodaß die Ruhe dann um so süßzer schmeckt und in beständiger Wechselwirkung jede neue, größeere Anforderung leichter und freudiger aufgenommen und erfüllt werden kann. Durch die Arbeit der Seele werden die Kräfte des Herzens geweckt und es erschlietzen sich im Gemüt alle die Blüten, die mit ihrem Dufte das innere Leben erquickend durchströmen und in der aufopfernden Liebe ihre herrlichste Frucht zeitigen. Die Geistesarbeit aber schärft das innere Auge des Menschen, daß er die Welt mit, ihren tausend Wundern klarer erkennt, seine eigene Stellung in derselben besser begreift und den Wert der irdischen Dinge richtig schätzen lernt. So ist denn in Wahrheit, wie Herder sagt, die Arbeit des Blutes d. h. des Lebens Balsam; ich glaube aber, wir dürfen noch ein wei- teres und höheres Moment in diesen Ausspruch legen. Balsam ist nicht nur erquickend, er ist auch heilend und gerade in ihrer heilenden Kraft bewährt sich die Arbeit am herrlichsten. Mit tiefem Verständnis haben schon die alten Griechen die Not die große Lehrmeisterin, die Mutter der Heroen genannt. In so manchen herrlichen Sinnbildern haben sie das dem Volke anschaulich gemacht und zur Beherzigung empfohlen. Die Not tritt aber an jeden Menschen früher oder später heran und fordert ihn zum Kampf und Sieg auf. In welcher Gestalt sie auch erscheine, ob als Mangel im materiellen Leben, ob als Sturm der Leidenschaften, ob als Schicksalsschläge, die das Herz aufs tiefste verwunden und ihm den Halt im Leben zu rauben drohen; immer ist es die Arbeit, die von Gebet begleitet und gesegnet, den Mangel mindert, den Sturm beschwichtigt und den gerechten Seelenschmerz zu frommer Ergebung heiligend, dem geprüften Herzen in neuen Aufgaben auch neue Freude am Leben bereitet. In wahrhaft erhebender Weise hat sich dieser Segen der Arbeit bewährt in dem letzten heiligen Kriege in tausendfacher Weise. Ein Beispiel, von dem ich Augenzeuge war, ist mir in bewundernder Erinnerung geblieben. Eine Frau erhielt die erschütternde Nachricht, datßz ihr Mann im Kampfe für das Vaterland gefallen sei. Kurz vor Beginn des Krieges hatte sie ihr einziges Kind, eine blühende Tochter verloren. Niedergeschmettert von dem furchtbaren Schlage und jedes Haltes für den Moment beraubt, fand sie in einer edlen Freundin lindernde Teilnahme und dann in gemeinsamer, aufopfernder Pflege


