oder vielmehr die Pflicht der Schule, gerade in der Lebenszeit des Menschen, die entscheidend ist für seine ganze Zukunft, die Stelle des Hauses zu vertreten, wird wohl kaum noch ernsthaft und mit triftigen Gründen bestritten werden können. Dat aber Haus und Familie- der Zucht bedürfen und ohne dieselbe zerfallen, wird als selbstverständlich überall da angenommen werden, wo wirklicher Familiengeist und Familiensitte walten, wenn auch in der Ausübung der Zucht leider nur zu oft noch die That hinter den guten Grundsätzen zurückbleiben oder ihnen gar entgegentreten mag. Selbst von der Schulzucht, wie sie bei uns. geübt wird und mehr und mehr gekräftigt werden soll, ist nicht die Absicht hier zu sprechen. Sie ist ja längst festgestellt und in unserer Schulordnung der Nachachtung und Unterstützung des Hauses übergeben. Was ihr in Bezug auf ihre Durchführung noch mangelt, werden wir Lehrer und Lehrerinnen stets im Auge behalten und, soweit es bei einer so zahlreichen Schul- gemeinde und in einem so ausgedehnten, bei aller Opulenz und Schönheit doch in Einzelnem mißständischen Schulgebäude bewirkt werden kann, zu verbessern und der leitenden Idee ent- sprechender durchzuführen suchen.
»Es handelt sich für jetzt nur um das Glied unsres Schulorganismus, das zwischen die Töchterschule und die eigentlichen Seminarklassen eingefügt, seit seinem kurzen Bestehen noch nicht die Sicherheit und Festigkeit gefunden hat, ohne die es leicht lockernd wirken kann auf das Ganze. Es versteht sich wohl von selbst, daß die Zucht, in die sich alle Töchter der Elisabethenschule, die größten wie die kleinsten, fügen müssen, vor allen bei den Schülerinnen der Seminarklassen freiwillig geübt werden, ja in Fleisch und Blut übergegangen sein muß.
»Wie könnten sie, die einst selbst Lehrerinnen werden wollen und schon auf der Stufe der Lernenden in die praktische Ausübung ihres Berufes eingeführt werden, das, was sie einst allein zu erfolgreichem Wirken führen kann, in ihrem eignen Verhalten unterlassen oder gar schädigen wollen. Thut ja doch die eigne Zucht der Lehrenden in fast noch höherem Maß not, als den Lernenden, und ist doch gerade diese Selbstzucht das vornehmste, unfehlbare Mittel zur Erlangung einer würdigen Schuldisziplin. Dasselbe muß auch allen den Schülerinnen der Selekta gelten, die diese Klasse als die Vorbereitungsstufe für die eigentlichen Seminarklassen betreten. Wie für sie alle Unterrichtszweige obligatorisch sind und ihre ganze Kraft in Anspruch nehmen, so muß es ihnen auch heilige Pflicht sein, den jüngeren Schülerinnen voranzugehen in strenger Befolgung der Schulgesetze. Die Mehrzahl aber der Schülerinnen, die aus den beiden ersten Klassen in die Selekta übergehen, soll nur zu ihrer weiteren Ausbildung noch eine Zeit hindurch denselben Lehrgang verfolgen, auf welchem sie bis dahin geführt worden sind und der in seiner wohlgeordneten stufenweisen Gliederung, ganz abgesehen von den erprobten lehrenden Persönlichkeiten und ihren mehr oder minder wirksamen Beziehungen zu den Lernenden, einen weit sichreren und bequemeren Fortschritt bieten muß, als jede Privatunterweisung. Aber in dem Alter, in welchem diese Schülerinnen stehen, macht in den meisten Fällen nicht ohne Grund auch das Haus größere Ansprüche an dieselben, um zum teil die innerlichen Beziehungen zwischen Mutter und Tochter ausgiebiger zu pflegen, zum teil die Tochter mit dem vertraut zu machen, was später das eigne Haus von ihr verlangen wird, zum teil auch wohl um sie für die selbständige Erscheinung in der Gesellschaft vorzubereiten und in letztere einzuführen. Daher nimmt die Schule nur noch einen Teil ihrer Kraft und Zeit in Anspruch und beschränkt die Gegenstände der Unterweisung auf diejenigen, welche als das allgemeinste Bildungselement in der gebildeten Gesellschaft am höchsten geschätzt werden. Wohl können sie auch an den


