2. Mitteilungen an das Elternhaus.
Das Wichtigste, was im verflossenen Schuljahre die volle Aufmerksamkeit und ernsteste Sorge der Lehrer in Anspruch genommen hat, war die unerwartet rasche Entwicklung unserer Selekta. Wir haben in dem Abschnitt zur Geschichte der Schule das Thatsächliche berichtet; es ist hier nun der Ort, auch von der inneren Gestaltung zu sprechen. Wir wiederholen in dieser Beziehung, was wir in der Ansprache pei Eröffnung der Prüfung vorigen Jahres im Rückblick auf den einjährigen Bestand der Klasse den Eltern ans Her⸗ gelegt haben, nachdem wir unsere Freude darüber kund gegeben, daß diese Klasse sich im Großen und Ganzen als notwendig Glied bewührt habe, zugleich aber auch nicht verhehlt hatten, daß, was nachhaltigen Eifer. regel- mäßigen Fleif. strenge Ordnung und sittliche Haltung betreffen, noch Manches zu wünschen
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bleibe, was einem weit größeren Erfolg hätte zu gute kommen können.
„Jedes Gemeinwesen, sagten wir, wird regiert von dem Geiste, der es geschaffen, und insofern dieser Geist ein gesunder, nach ewigen Gesetzen waltender ist, wird das Gemeinwesen stetig fort- schreitend sich entwickeln und dauernden Bestand haben. Aber da es seiner Natur nach ein mehr oder weniger vielgliedriges ist, bedarf der Geist, der es durchdringen und von dem es von Stufe zu Stufe der Entwicklung geleitet werden soll, einer starken Dienerin, die seinem Walten ungehinderten Eingang schafft bei allen den einzelnen Gliedern des Gesamtkörpers und diese nötigt, dem, was der Geist schaffen will. nicht entgegenzutreten, sondern vielmehr, anfangs viel- leicht gezwungen, allmählich aber aus freudiger Erkenntnis des eigenen Nutzens freiwillig und gern zu seiner Verwirklichung beizutragen. Diese edle und starke Dienerin des Geistes nennen wir die Disziplin, die Zucht. Der Einzelne muß gezogen werden zur Unterordnung seines persön- lichen Willens unter das Gesetz, durch welches der Geist das Gemeinwesen, dem jener eingeordnet ist, regiert, und das Ziel der Zucht ist erreicht, wenn der Einzelne in der völligen Übereinstimmung seines persönlichen Lebehs mit dem gesetzlich geregelten Leben des Ganzen Sseine sittliche Würde und seine wahre Freiheit erkannt hat und in dem freudigen Verzicht auf den Eigenwillen den sichersten Weg zu seiner eigenen sittlichen und intellektuellen Vervollkommung findet. Es ist hier nicht Zeit und Ort, tiefer einzudringen in diese Forderung, die in allen Gemeinwesen der menschlichen Gesellschaft, in Familie, Bürgerschaft, Staät, Kirche, Schule,— von jeher von einzelnen excentrischen oder frivolen Naturen bestritten, von der trägen, selbstischen Masse miß- achtet und ignoriert,— von den großen Lenkern der Völker aber aufs Entschiedenste fest- gehalten und je nach dem Kulturstande der Gesamtheit mit den verschiedensten Mitteln zu wirk- licher Geltung gebracht worden ist. Es würde selbst zu weit führen, wollten wir in diesem Augenblicke und im Angesichte der jugendlichen Schaar, die nach der Prüfung verlangt, auch nur Wesen und Mittel der Zucht näher besprechen, wie sie in jeder gesunden Schulgemeinde dem Unterricht als vornehmste Dienerin voraus und zur Seite gehen muß. Es bedarf ja auch kaum noch des Nachweises von der Notwendigkeit strengster Schulzucht. Das Recht


