Jahrgang 
1883
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lang auf lohnende Stelle warten und schlieſslich mit, der untersten Gehaltsstufe beginnen in einem Alter, wo andere die halbe Welt erobert hatten.*)

Schuld an dieser falschen Wegrichtung trägt ein Teil der höheren Schulen da- durch, daſs diese direkt oder indirekt bei ihren Schülern und deren Eltern die Meinung erwecken, sie, die Schüler höherer Lehranstalten, dürften nun einmal keine andere Karriere als die eines Beamten u. dgl. ergreifen, denn wozu sonst das Latein und Griechisch. Den Schülern anderer höheren Schulen, den Realschulen, erwächst leicht ein Irrtum anderer Art: sie werden zu leicht und zu häufig vom Glanze des kaufmännischen Berufes ange- zogen. Die technischen Berufsarten erscheinen ihnen zu mühsam, der Gewerbestand bietet zu wenig äufseren Glanz; und so kommt es denn, dals in den Realschulen der gröſse- ren Zahl nach Kaufleute groſs gezogen werden. Ich erfahre es an meinen eigenen Schülern; zweidrittel bis dreiviertel derselben werden Kaufleute, kein Abraten hilft, nur ein kleiner Bruchteil wendet sich dem Gewerbe zu. Das ist verkehrt. Es ist ein grofser Irrtum zu glauben, dem Gewerbe, den niederen technischen Fächern sei mit Volksschulbildung allein gedient. Es wird ein Segen für unseren Gewerbe- stand, besonders den höheren, für das Kunsthandwerk, für die technischen Berufs- arten werden, wenn man einsehen lernt, daſs der an einer wohlorganisierten höheren Schule ohne Latein bis zum sechszehnten Jahre und eventuell weiter hinaus genossene Unterricht

*) Es kam mir in diesen Tagen ein Autfsatz von Dr. C. W. Siemens zu Gesicht, überVer- schwendung von Zeit, menschlicher Kraft etc. Der Aufsatz enthält treffliche Wahrheiten; ich muſste bei Lesung desselben unwillkürlich an die oben angedeutete Verschwendung von Zeit und Kraft, wie sie im deutschen Reiche geübt wird, denken. Die Regierungen haben Einsehen und warnen das Publikum vor verfehlten Spekulationen. DieProv.-Corr. sagt in einer der letzten Nummern:Obgleich die Uber- füllung der gelehrten Berufsklassen in Preufsen eine längst anerkannte und nirgends bestrittene That- sache bildet, sind der Zudrang zu den auf diese Berufsarten vorbereitenden höhern Lehranstalten und das Verlangen nach der Begründung neuer Anstalten solcher Art in beständigem Anwachsen begriffen. Im Verlauf der letzten zehn Jahre hat die Zahl der preufsischen Gymnasien um 15 Prozent, diejenige ihrer Schüler um 25 rozent zugenommen und eine Höhe erreicht, welche diejenige der übrigen deutschen Staaten um ein Erhebliches übertrifft.

So wenig bestritten werden kann, daſs diese Erscheinung mit der Ausbreitung der Bildungs- empfänglichkeit und des Bildungsinteresses über immer weitere Schichten der Bevölkerung zusammen- hängt, so wird man sich doch darüber nicht täuschen dürfen, daſs nicht sowohl die Absicht der Wissenschaft zu leben, als von der Wissenschaft zu leben es ist, welche unsern Universitäten und Gymnasien die Mehrzahl ihrer Jünger zuführt. Damit ist zugleich gesagt, dafs die im Verlauf der letzten Jahrzchnte bemerkbar gewordene Uberfrequenz der höhern Berufsarten und der zur Vorbereitung auf dieselben dienenden Lehranstalten nicht sowohl einen Fortschritt in der Bildung, als eine ernstliche wirtschaftliche Gefahr bedeutet. Eine Gefahr in doppelter Rücksicht. Mit gutem Grunde wird geltend gemacht, dals die Mittelklassen unserer Gesellschaft immer wieder mühsam zusammengebrachte Mittel dazu verwenden, tüchtige Kräfte ihrer natürlichen Sphäre zu entfremden und auf Berufswege zu leiten, welche aufserordentlieh geringe Aussicht auf gedeihliches Portkommen eröffnen. Einerseits bezeugen Beschwerden über malslose Konkurrenz auf den gelehrten Berufsgebieten, andererseits Klagen darüber, dals die gebildeten Mittelklassen die gewerblichen Thätigkeiten vernachlässigten, dals die Berufswahl in Preufsen vielfach nach unrichtigen Grundsätzen und nach unzutreffenden Vorstellungen von dem Be- durfnis des Staates und der Gesellschaft vor sich geht. 3

Selbstverständlich kann von Beschränkungen des Rechts der Staatsbürger, über die von ihren Kindern einzuschlagenden Lebenswege nach freiem Ermessen zu entscheiden, ebensowenig die Rede sein, wie von Versuchen zu staatlicher Beeinflussung der Berufswahl des Einzelnen. Wohl aber wird die Staatsregierung ihr Augenmerk darauf zu richten haben, dals die für die Förderung der Volksbildung bestimmten öffentlichen Mittel in einer dem wirklichen Bedürfnis entsprechenden Weise fruchtbar gemacht und nicht dazu verwendet werden, immer neue Anstalten ins Leben zu rufen, welche einer unzweck- mälsigen und wirtschaftlich bedenklichen Zuwendung zu einzelnen, längst überfüllten Berufsarten in die Hände arbeiten.

Das sind goldene Worte, die nicht nachdrücklich genug allen Eltern, welche wegen des Berufs ihrer Söhne mit sich zu Rate gehen, gesagt werden können.

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