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Brauch, Sitte, Ziem und Schick im lebendigen Anschaun vor Augen. Frühe mit seines Gleichen und unter seines Gleichen leben ist die Wiege der Gröfse für den Mann. Jeder Einling verirrt sich so leicht zur Selbstsucht, wozu den Gespielen die Gespielschaft nicht kommen lässet. Auch hat der Einling keinen Spiegel, sich in wahrer Gestalt zu erblicken, kein lebendiges Maſs, seine Kraftmehrung zu messen, keine Richterwaage für seinen Eigenwert, keine Schule für den Willen und keine Gelegenheit zu schnellem Entschluls und Thatkraft.“
Die Ansprüche an die Erwerbung von Kenntnisssen und Fertigkeiten sind für fast alle Berufsarten gewachsen und je beschränkter damit die Zeit, welche sonst für die Erholung verfügbar war, geworden ist, und je mehr im Hause Sinn oder Sitte und leider oft auch die Möglichkeit schwindet, mit der Jugend zu leben und ihr Zeit und Raum zum Spielen zu geben, um so mehr ist Antrieb und Pflicht vorhanden, dals die Schule thue, was sonst erziehlich nicht gethan wird und oft auch nicht gethan werden kann. Die Schule mufs das Spiel als eine für Körper und Geist, für Herz und Gemüt gleich heilsame Lebens- äufserung der Jugend mit dem Zuwachse an leiblicher Kraft und Gewandtheit und mit den ethischen Wirkungen, die es in seinem Gefolge hat, in ihre Pflege nehmen und zwar nicht blos gelegentlich, sondern grundsätzlich und in geordneter Weise.
Bei der groſsen Mannigfaltigkeit des Dargebotenen(Jugend- und Turnspiele) wird es allerdings einer Auswahl bedürfen, und es wird hierbei wesentlich auf das Rücksicht zu nehmen sein, was her- kömmlich und volkstümlich ist. Obenan sind die verschiedenen Ballspiele zu stellen(Treibball, Fufsball, Schlagball, Kreisball, Stehball, Thorball), dann die Laufspiele, und hier besonders der Barlauf, die Wett- kämpfe(Hinkkampf, Tauziehen, Kettenreiſsen etc.), die Schleuderspiele mit Bällen, Kugeln, Steinen und Stäben, und die Jagd- und Kriegsspiele.—
Nachdem in dem Erlafs wiederholt auf die Wichtigkeit eines Turnplatzes,*) der möglichst nahe der Turnhalle zu liegen hat, ferner auf die Wichtigkeit von auf gemeinschaftlich zu unternehmenden Spaziergängen und Ausflügen in Feld und Wald, sowie von Turnfahrten, dann schliefslich auf das Heilsame des Schwimmens und Eislaufs aufmerksam gemacht worden ist, schliest der Erlaſs:
Leider ist die Einsicht noch nicht allgemein geworden, daſs mit der leiblichen Ertüchtigung, und Erfrischung auch die Kraft und Freudigkeit zu geistiger Arbeit wächst. Manche Klage wegen UÜber- bürdung und Überanstrengung der Jugend würde nicht laut werden, wenn diese Wahrheit mehr erlebt und erfahren würde. Darum müssen Schule und Haus und wer immer an der Jugendbildung mitzuarbeiten Beruf und Pflicht hat, Raum schaffen und Raum lassen für jene Übungen, in welchen Körper und Geist
Kräftigung und Erholung finden. Der Gewinn davon kommt nicht der Jugend allein zu Gute, sondern unserem ganzen Volke uud Vaterlande.
4. Der zu Ostern vorigen Jahres zu Halle a. S. abgehaltene deutsche Geographentag hat einen Teil seiner Sitzungen der Durchberatung schulgeographischer Fragen gewidmet, das Ergebnis der Diskussion in kurzen Resolutionen zusammengefafst und die letzteren den deutschen Unterrichtsbehörden mit dem Ersuchen mitgeteilt, die darin enthaltenen Ratschläge den höheren Schulanstalten zur Beachtung zu empfehlen. Das Königl. Pro- vinzial-Schulkollegium zu Kassel hat darauf,„mit Rücksicht auf die Zweckmäſsigkeit dieser methodischen Ratschläge, deren Befolgung für die Förderung des geographischen Unter- richts von wesentlicher Bedeutung ist“, durch eine Verfügung d. d. 22. Dez. 1882 diesem Ersuchen entsprochen. Die betreffenden Thesen lauten:
*) Unsere Anstalt besitzt eine Turnhalle, aber kein mit Geräten versehener Turnplatz steht ihr zur Verfügung. Es ist das ein Mangel, der schon lange recht fühlbar geworden ist. Es wäre sehr wünschenswert, dals die städtischen Behörden in nächster Nähe des Realschulgebäudes einen gröſseren wohlausgestatteten Turnplatz einrichteten, der auch von den übrigen städtischen Schulen benutzt werden könnte. Ich werde es nicht versäumen, mit den städtischen Behörden inbetreff dieser Sache in Verbindung zu treten und darf dann wohl auf freundliches Entgegenkommen zählen.— Bei dieser Ge- legenheit möchte ich mir noch erlauben, darauf aufmerksam zu machen, dafſs durch die Schaffung eines gesicherten Badeplatzes—(Schwimmbad, Volksbad)— in der Nied, zwischeu Hausen und Rödelheim etwa, für unsere Schuljugend nicht nur, sondern für die ganze Bevölkerung eine höchst segensreiche Einrichtung getroffen würde. Das Bedürtnis nach einer solchen ist ein längst gefühltes, und die Gelegen- heit ist so günstig.


