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Wir möchten Eltern ganz eindringlich davor warnen, das Sitzenbleiben ihrer Söhne in jedem Falle als eine Strafe, und gar als eine entehrende, anzusehen. Jene Maſsregel ist vielmehr als ein Arzneimittel zu betrachten, das mit Besonnenheit angewendet, in den meisten Fällen seine gute Wirkung nicht verfehlen wird. Wir könnten mit vielen nament- lichen Beispielen dartun, wie solche für ein zweites Jahr in einer Klasse gebliebene Schüler sich ganz vortrefflich geartet haben und die Freude ihrer Eltern und Lehrer geworden sind.
Die Eltern unserer Schüler werden durch Vierteljahrs-Zeugnisse, erteilt am 1. Juli, 1. Oktober, zu Weihnachten und Ostern, von dem Fortschreiten ihrer Kinder in den einzelnen Unterrichtsgegenständen, deren Betragen und Fleiſs in Kenntnis gesetzt. Zu Weihnachten werden die nötigen, wol motivirten Bemerkungen inbetreff der etwaigen Gefahr des Sitzenbleibens beim nächsten Klassenwechsel dem Zeugnisse beigefügt. Es geschieht das zunächst, um die Eltern auf das mögliche Unangenehme vorzubereiten, dann aber auch, um da zu höheren Leistungen zu veranlassen, wo überhaupt welche möglich sind. Vor einem Fehler möchten wir hierbei warnen, vor dem künstlichen Nach- helfen durch Privatunterricht. Zu diesem Mittel wird zu häufig in letzter Stunde ge- griffen, sobald die Gefahr des Sitzenbleibens droht, und wirklich helfen kann es nur selten. Wie schon oben gesagt, fordert die Schule nicht mehr, als die selbsteigene Tätigkeit eines normal beanlagten Knaben zu leisten im Stande ist. Durch fremde Hilfe kann nun wol ein Schüler mangelhafte Leistungen auf kurze Zeit verbergen, sich eine künst- liche Reife für die höhere Klassenstufe aneignen; aber hier angekommen werden die alten Klagen sich wiederholen, und der Schüler wird nicht aus dem Rennen ohne Hast und Rast herauskommen, zum Schaden seines physischen und intellektuellen Daseins. Vor nichts ist mehr zu warnen, als vor dem Weiterlootsen der Schüler durch fremde Hilfe. Eine Zeitlang mag das wol dienen; aber die Enttäuschung muss und wird kommen, und dann ist das Aergernis um so gröſser. Und wie schlimm ist diese Privat-Nachhilfe für die Charakterbildung. Solche am Gängelband des Privat-Unterrichts aufgewachsene Knaben werden den Stempel der Unselbständigkeit noch lange im praktischen Leben aufweisen und ihn vielleicht nie ganz verlieren. Der Sohn unbemittelter Eltern kommt auf diese schiefe Ebene so leicht nicht, wol aber der Sohn bemittelter. Jener ist auf seine eigene Kraft allein von Anfang an angewiesen; bei freier Konkurrenz überflügelt er diesen darum oft mit Leichtigkeit.
Diese Art der häuslichen Nachhilfe ist übrigens wohl zu unterscheiden von der täg- lichen liebevollen Aufmunterung zum Schaffen, die nie fehlen darf, von der Aneiferung, die dem Knaben zu Hause durch das gute Beispiel geistiger Tätigkeit, geistigen Interesses gegeben wird. Reine Luft für die Lungen, geistige Atmosphäre für den Intellekt: Dabei kann aus dem Knaben ein Mann werden!*)
Aber viele Eltern, von falschem Ehrgeiz getrieben, sind töricht genug, anstatt ihre Kinder vor geistiger Ueberanstrengung zu schützen, sie geradezu dazu aufzufordern; und um mit den Leistungen derselben grofstun zu können, ihnen halbe und ganze Nächte zur Vervollständigung ihrer sonstigen Arbeiten und Exerzitien zu gestatten“.(Dr. med. P. Hasse, Direktor der Irrenanstalt in Königslutter in einer Abhandlung:„Zunahme der Geistesstörungen und ihre Ursachen.“)
*) Wir haben eine hohe Meinung von der Aufgabe der Schule in erziehlicher und unterrichtlicher Hinsicht, aber eine gleich hohe von der des Hauses auf demselben Gebiete und sind des festen Glaubens, dass über alle Schularbeit und akademische Studien hinaus sich noch klar und deutlich die von diesem Faktor bei der Jugenderziehung erzielten guten oder schlimmen Wirkungen nachweisen lassen. Bei der Erziehung des jungen Menschen gibt es so manches, was nur das Haus— die ernste Strenge des Vaters oder die besorgte Liebe der Mutter geben kann. Wen das Haus roh gelassen hat, der wird durch keine Gelehrsamkeit anders. An das Haus appelliren wir darum, wenn trotz der so hoch vervoll- kommneten Schuleinrichtungen unserer Zeit so mancher wunde Fleck in der Erziehung der Jugend nach- zuweisen ist. Bleibe sich dieses seiner heiligen Aufgabe, Stätte der Zucht und guten Sitte zu sein, stets bewusst, und mit den Kindern wird es gut gehen!


