Der Schüler, der nach Erreichung des Schul- ziels nun selbst in die Berufsarbeit sich einord- net, er wird viel eher als früher„die wirtschaft- lichen Zusammenhänge, die Leistungen der Technik, die soziale Struktur und die politischen Zusammenhänge überblicken“ und so„den Sinn seiner eignen Existenz begreifen“ können.
„Denn er ist als tätiger Mensch viel mehr als in der Zeit der kleinen, in sich befriedeten Kreise in das allgemeine und zusammenhängende Le- ben eingeordnet und muß es geistig überblicken, um sein Schicksal nicht nur von oben her zu erleiden, sondern einigermaßen begreifen und beherrschen zu können“:— eine Zielsetzung, der wohl die meisten Erzieher zustimmen müs- sen.(Vgl. Frankfurter Zeitung vom 13. 8. 1928.)
Und dennoch haben wir mit Absicht von einem gewiß nicht unwichtigen Punkte geschwie- gen, der bei diesem Problem der Lebensfremd- heit für gewöhnlich in den Vordergrund ge- schoben wird. Diese meine Betrachtung sollte ja vor allem zeigen, einen wie bestimmenden Anteil die Lehrweise zur positiven Lösung der Frage beizusteuern vermag, und deshalb durf- ten die Voraussetzungen bei der Lehrerpersön- lichkeit nur andeutungsweise berücksichtigt werden. Trotzdem bleibt gewiß die Art der Lehrerpersönlichkeit von ausschlag- gebender Bedeutung: ihre Aufgeschlossenheit für das Leben jenseits des Pachgebietes, ihre Be- weglichkeit und ihr jugendpsychologisches Ver- ständnis, ihr tätiger Wille und ihre selbstlose Hingabe, ihre stete Bereitschaft zur Umstellung und Erneuerung, ihr nie alterndes und gütiges Herz.
Diese Voraussetzungen an sich lassen sich durch keine„Reform“ schaffen, ebenso wenig wie sie in der früheren Zeit durch kein„Regle- ment“ völlig unwirksam gemacht werden konnten.
Dennoch aber bietet die freiere Unterrichts- weise einer solchen Lehrerpersönlichkeit viel günstigere Wachstum- und Wirkungsbedingun- gen, zumal sie, einer alten Erfahrung gemäß, auch selbst wiederum in dieser Arbeitsgemein- schaft wächst und innerlich reicher wird und wiederum durch die Gemeinschaft mit der Ju- gend in engster Verbindung mit dem Leben der Gegenwart bleibt.
Selbstverständlich müssen zur erfolgreichen Schularbeit dieser Art auch die àußeren Vor- bedingungen geschaffen werden; z. B. die geeignete Vor- und und Fortbildung der Lehrer, die eine wirkliche Arbeitsgemeinschaft ermõög- lichen. Die Beschränkung der Schülerzahl für eine Klasse, das Ausmaß der beruflichen Be- lastung des Lehrers und Schülers müssen im In- teresse der Sache sachlicher geregelt werden, als es heute leider vielfach üblich ist.
Ob es sich empfiehlt, den jüngeren Lehrer ein Jahr im Wirtschaftsleben zu beschäftigen oder die Werkarbeitspflicht für den Lehrerstudenten einzuführen, wollen wir hier nicht entscheiden. wenn auch ohne Zweifel dieser Weg äußerst ver- lockend erscheint, u. a. auch, wenn wir an die Notwendigkeit denken, die Kluft der Verständ- nislosigkeit zwischen Hand- und Kopfarbeitern zu überbrücken.
Mögen nun alle die persönlichen und sach- lichen Voraussetzungen erfüllt sein, die das Er-— reichen des idealen Zieles zu gewährleisten schei- nen, so wird trotz allem eine Einschrän-— kung zu machen sein, die sich je nach der Lehrerpersönlichkeit schwächer oder stärker auswirkt: Es ist die uralte Tragik des Gegensatzes zwischen den Genera- tionen, zwischen der schaffenden und der heranwachsenden, ein Gegensatz, der meist dann zum Konflikt treibt, wenn die junge Generation die alte zu ersetzen und zu verdrängen beginnt,
jene große Kluft seelischer, weltanschaulicher Art zwischen zwei Generationen, die in der
durch das Lebensalter veränderter Vitalität, der Lebensschwungkraft, besteht und nun in der see- lisch geistigen Haltung der Partner jene tragi- schen Unterschiede erwirkt.
Diese schmerzliche Einsicht lebt auch in der Feststellung Theobald Zieglers, wenn er in seiner Einleitung zur Geschichte der Pädagogik sagt:„Die Schule und insbesondere die höhere Schule steht regelmäßig auf dem Standpunkt des eben zu Ende gehenden Zeit- alters; sie lebt ganz natürlich in den Ansichten und Ideen der Väter, die ihre Gründer waren: ihre Einrichtungen und Ordnungen stel- len im wesentlichen die Anschauun- gen der zu Grabe gehenden Genera-
tion dar.“ ¹)
Trotzdem wollen wir uns nicht entmutigen lassen von diesen schicksalhaften, im Wellen- gang des menschlichen Daseins begründeten
Grenzen; auch hier heißt„die Gefahr erkennen, vielleicht sie überwinden“.
Das Ziel lockt, es ist des Schweißes der Ed- len wert, Jünglinge und Jungfrauen zu Menschen zu bilden, die der Gemeinschaft, die sie trug und hegte, das werden und geben, was sie billig von ihnen erwarten darf, der Gemeinschaft nicht nur der Familie, der Religion, des Berufes, sondern darüber hinaus der Gemeinschaft des Volkes und Staates und nicht zuletzt auch der Mensch- heit.
Das Ziel lockt, die jüngere Generation zu be- fähigen und zu begeistern für den Dienst an der kommenden— sie nicht nur zum guten Schulbürger, sondern vielmehr zum zu
¹) Rein: Deutsche Schulerziehung: S. 377.
— 27,—


