Jahrgang 
1929
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sensstoffes, der mit dem unmittelbaren Leben keinen oder nur den aller- notwendigsten Zusammenhang hatte, und er war bestimmt eigentlich nur für die äußerliche Zweckerreichung der Mittelmäßig- keit. Die besonders treibenden Kräfte der einzelnen.....:. wurden nirgends hervorgelockt und mehr ge- hemmit und schikaniert als entwickelt. Von ir- gendwelcher Charakterbildung konnte keine Rede sein. Zum Schluß noch ein Urteil Heinrich Lilienfeins über die schwäbische Schulerziehung: Die schwäbische Schulerziehung, die ich genoß, litt in mancher Hinsicht an einer Herbheit, die das Urrecht der Jugend, den Frohmut und die Frische, verkürzte.

Kein Wunder, daß diese Jugend unter dem Gefühlder UnterdrückungundVer- drängung aus ihrem eigensten Bereiche litt. daß bisweilen nur harter Zwang die innere und gelegentlich äußere Auflehnung zu beugen ver- mochte.

Das Vorrecht der Jugend ist es ja wohl, in viel stärkerer Weise als der Erwach- sene in die Strömungen des Gegen- wartslebens hineingezwungen zu werden. Der reifere, selbständigere Mensch entzieht sich viel eher diesen Einflüssen und isoliert sich gewissermaßen dagegen. Aber im jugendlichen Herzen stürmt und brandet dieser Kampf der Strebungen, den wir Leben, den wir Gegenwart nennen, und es sehnt sich nach einem Kompaß, mit dem es die Brandung zu meistern hoffen darf.

Wenn nun diese Jugend und vor allem die Großstadtjugend an arbeitsunterrichtliche Lehr- weise gewöhnt wird, da ergibt es sich von selbst, daß der Schüler bei der Arbeit auch an einem historischen, zeitlich entrückten Stoff sofort Ver- bindungen nach der Gegenwart sucht und findet, daß ihm somit einmal die Gegenwart verständ- lich wird aus der Vergangenheit und umgekehrt wieder das tote Gestern sich in dem belebenden Spiegel seines Gegenwartsbewutztseins verjüngt.

Diese Methode also wird zum auto- matischen Schutzwall gegen die Aussperrung der Gegenwart aus der Schularbeit. Sicherlich wird es dabei eine Sache der Erziehung und Aufgabe des Lehrers zugleich bleiben, das Zerfließen der Arbeit in uferlose Abgründe zu verhüten und ihre Zielstrebigkeit und Sachlichkeit zu sichern, ohne dadurch die freudige Eigentätigkeit und Mit- arbeit der Schüler zu lähmen. Schon das sichere Vertrauen des Schülers, daß die frische Luft der Gegenwart bei jedem Anlaß, den die sachliche Arbeit gestattet, in die Schulstube eingelassen wird, bewahrt ihn vor Verdrossenheit, wenn nun

ferner liegende Dinge auch behandelt werden müssen.

Nehmen wir zur Verdeutlichung ein Bei- spiel aus dem deutschen Unter- richt, etwa die Lektüre vonGötz von Ber- lichingen in einer Untersekunda. Das Dra- ma ist in einzelnen Abschnitten zuhause von den Schülern gelesen. In der Stunde wird der Inhalt wiedergegeben, und die Schüler werden dazu gebracht, selbst Fragenkreise in dem be- treffenden Abschnitte herauszufinden, die zu einer eingehenden Behandlung geeignet sind und ihrer bedürfen.

Wenn man nicht unglücklicher Weise eine Klasse mit minderbegabten Kindern hat, wird man bei dem vorgeschlagenen Verfahren erfreu- liche Ergebnisse feststellen können. Eine ganze Reihe von Themen werden genannt werden, z. B. die Charaktere der Hauptpersonen, vor allem der Vergleich zwischen Götz und Weislingen oder die Stellung der Reichsritterschaft im Reiche zur Zeit Maximilians I., das Söldnerwesen und die Art der Kriegsführung, die Rolle der geist- lichen Fürsten, die neue Rechtsordnung(Land- friede), die Lage der deutschen Bauern im 16. Jahrhundert, Kaiser und Fürsten, der deutsche Handel, die religiöse Reformbewegung, Aufbau und Gliederung des Dramas, ist Götz ein Raub- ritter? mit welchen Gedanken erwartet Götz sei- nen Tod? u. a. mehr eine Fülle von Fragen also.

Die mit dem behandelten Abschnitt enger ver- bundenen Themen greifen wir dann heraus, suchen sie in gemeinsamer Arbeit zu gruppieren und strenger zu umgrenzen und stellen sie schließlich in Arbeitsteilung einzelnen Gruppen der Klasse als Aufgabe zur nächsten Stunde, wo- bei jeder Schüler frei wählen darf.

Bei der eigentlichen Besprechung nun veran- lassen viele der genannten Themen, Paralle- lenzur Gegenwart zu ziehen. Das ist eben dem Schüler umso leichter und umso dringen- der, weil er unter dem Blickwinkel seines Gegen- wartsbewußtseins an diesen Dingen Interesse zu nehmen geneigt ist.

Die Frage: Ist Götz ein Raubritter? oder sein Verhältnis zum Kaiser fordert geradezu die Parallele der Gegenwart: Reich und Länder, Völ- kerbund und internationale Rechtsordnung. Schiedsgericht, Friede durch Recht(Landfriede, Fehdewesen), Abrüstung heraus. Selbst die zur Zeit der Behandlung aktuellste Frage für die Schüler, das Panzerkreuzervolksbegehren, wurde von ihnen in dem Zusammenhang gebracht.

Ein anderes Thema: die Lage der Bauern im 16. Jahrhundert ist nicht weniger fruchtbar in dieser Hinsicht. Gar viele Schüler stammen heute aus Kreisen, in denen