gebracht,— erscheint mir die Unterrichts- methode zur Erreichung unseres besonderen Zieles von ausschlaggebend- ster Bedeutung.
Die innere Verbindung des von den„Richt- linien“ geforderten Arbeitsunterrichts mit den Erfordernissen einer re publikani- schen staatsbürgerlichen Erzie- hung treten ja leichter zutage. Die Richtlinien erwarten von dem Arbeitsunterricht, daß die Kräfte des Zöglings durch diese Schularbeit ent- wickelt und gesteigert werden,„insbesondere Selbständigkeit des Urteils, Gemüt, Phantasie und Wille“. Der Geschichtsunterricht soll„Tat- bereitschaft und politisches Verantwortungsge- fühl bei ihm(dem Schüler) wecken“.
Ohne Zweifel wird gerade diese neue Gewöh- nung an selbständigereArbeitsweise nicht ohne Rückwirkung auf die Charakterentwicklung des Schülers bleiben können. An die Stelle des Reproduzie- rens, des passiven Aufnehmens tritt weitgehend das selbständige Finden und schöpferische Ge- stalten oder wenigstens das selbständigere Ein- arbeiten und Erarbeiten bestimmter Gegen- stände. Sicher kann auch hierbei die sachkun- dige und zielsichere Führung durch den erfah- renen Lehrer nicht entbehrt werden, aber seinen Rat und seine Führung wird er gerade so abzu- zwecken verstehen, daß möglichst diese Aktivi- tät und mit ihr die Freude und das Interesse an der Aufgabe im Schüler geweckt und ausgelöst wird.
Bei der Behandlung eines geschicht- lichen Vorganges oder einer Persönlich- keit z. B. werden wir den Schüler aus bereitge- stelltem oder mit zunehmender Reife von ihm selbst aufzusuchendem Material zunächst die Tat- sachen erarbeiten lassen, darüber hinaus wer- den wir diesen Stoff der Vereinzelung entreißen und den Schüler gewöhnen, selbst nach Brücken zur Gegenwart Ausschau zu halten und ebenso Entwicklungslinien in vertikaler wie horizon- taler Richtung zu entdecken. Dann werden wir das neu erarbeitete Bildungsgut im tiefsten Sinne im Eigenbewußtsein und Eigenerlebnis zu ver- ankern und schließlich durch diese umfassende Konzentration und organische Eingliederung die fruchtbringende Auswertung dieses Stoffkreises anzuregen suchen.
Drei Dinge also werden sich aus dieser Gewöhnung an eine solche Arbeitswei se als erfreuliches Ergebnis herausstellen: Zum er- sten wird die Denkfähigkeit und die Ur- teilskraft geschult und damit gesteigerf. Zum andern entzündet sich an dem Erfolg die- ser Selbständigkeit überhaupt die Freude an ihrer Wiederholung, und damit wächst das so stark vermißte Interesse für die gei-
stige Arbeit dieser Art, verbunden mit einer starken Wertung der Selbständigkeit überhaupt, einem Hang zur Autonomie. Aus der Ein- tauchung aber dieser Erkenntnisse in die Welt des Gefühls ergibt sich mit einer gewissen Na- turnotwendigkeit auch der Dran gzum Han- deln aus eigenem Urteil und eigener Bindung und Pflicht, aber geleitet von der Einsicht in die soziale Verbundenheit.
Die Gefahr subjektivistischer Ubersteigerung und asozialer Willkür muß und kann gebannt werden, wenn nur der Zögling durch Eindringen in die rechte Arbeitsmethode gerade an den Schwierig- keiten einzelner Fragen und Stoffe zur Erkennt- nis wahrer wissenschaftlicher Arbeit gebracht wird, wenn die Schule ihn davor schützt, sich durch Haschen nach leichtem Scheinerfolg an Oberflächlichkeit und Selbstüberschätzung zu gewöhnen, wenn er durch echte Arbeit zur Ach- tung vor fremder Leistung fortschreitet.
Wie nun bei körperlicher Leistung so wirkt auch bei seelischen, ethischen Komplexen die Gewöhnung in der Richtung einer Erleich- terung und Verstärkung. Somit erscheint diese arbeitsunterrichtliche Lehrweise als ein äußerst wertvolles Mittel, den jungen Menschen in seiner Entwicklun g zur Selbständigkeit, zum autonomen Cha. rakter, zu fördern, die in ihm schlummernden Anlagen zu wecken und aufs pfleglichste zur Entfaltung kommen zu lassen.
Daraus erhellt, wie weit diese Methode den Forderungen der Zeit an die Schule ent- gegenkommt: sie verspricht ja, die Schüler so zu erziehen, wie sie Staat und Wirtschaft sich wünschen, wenigstens nach der formalen Seite hin.
Daß aber die Verknüpfung der Erziehung durch diese Lehrweise mit dem Gegenwartsbe- wußtsein nicht nur formal geschieht, sondern, schon kraftder Methodean sich, auch inhaltlich und stofflich, das zeigt meines Ermessens eine weitere Ueberlegung.
Wenn wir in Selbstzeugnissen führender Per- sönlichkeiten nach Urteilen über ihre Schule suchen, so finden wir nicht selten jene K1 age, daß von dem vorgetragenen Fachwissen eben keinerlei Brücke zu ihrem leben- digen Interessenkreis bestand.„Keins von den Fächern, die da vorgetragen worden sind,“— schreibt Alfred W. Fred, geb. 1879 zu Wien—„wenn man überhaupt dort von Vor- tragen reden konnte, hat mich auf die Art, wie man sie uns herrichtete, interessiert.“ Bitterer ist das Urteil Carl Henckells, geb. 1864 zu Han- nover. Der ganze Schulapparat erschien ihm „begründet auf verknöchertem Pormalis- mus in der mechanischen Aneignung eines Wis-


