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Am Geburtstag Sr. Majestät des Kaisers hielt Herr Professor Dr. Schauf die Festrede, Kaisers Ge- über die er in folgender Weise berichtet: burtstag.
Der schöne Traum der Helden aus den Freiheitskriegen, das Haupt eines deutschen Fürsten mit der Kaiserkrone schmücken zu dürfen, sollte nicht so bald in Erfüllung gehen, und erst nach der zweiten Niederwerfung Frankreichs war es den Alten vergönnt zu erleben, was sie als Jünglinge hofften.
Wir werfen einen kurzen Rückblick auf die Zeit zwischen dem Frankfurter Frieden und dem Hochsommer des verflossenen Jahres..
Mit seiner politischen Einigung erwacht Deutschland und besinnt sich endlich auf sich selbst. Die Volkswirtschaft nimmt einen mächtigen Aufschwung, der Wohlstand in Stadt und Land wächst zu- sehends. Die Deutschen, die bei der Teilung der Erde stets zu kurz gekommen waren, weil sie die in jedem einzelnen ihrer gesunden Volksstämme schlummernden Spannkräfte nicht zusammenhalten konnten, richten ihren Blick in die Ferne und suchen einen Platz an der Sonne. Tausende von jungen Männern stählen draußen im Kampf mit der Natur ihre Kräfte und wachsen zu einem selbstbewußten, harten, freien Geschlecht heran.
Wie erstaunlich Deutschlands Handel in der letzten Zeit zugenommen hat, wird durch Mitteilung einiger Zahlen über Ein- und Ausfuhr belegt, aus denen hervorgeht, daß bei einem gleichen Vorwärts- schreiten wie in der letzten Zeit England von uns schon nach einem Jahrzehnt eingeholt worden würe.
Dem Welthandel, unseren Kolonien und unserer Küste gewährt die Flotte Schutz, und wer ihre Bedeutung früher vielleicht unterschätzte, dem wird es in diesen Tagen durch die Wucht der Ereignisse vor Augen geführt, wie hilflos wir ohne unsere guten Schiffe der englischen Erdrosselungspolitik preis- gegeben wären. Die rechtzeitige Erkenntnis, daß Deutschlands Zukunft auf der See ruht, verdanken wir dem weitschauenden Blick Wilhelms II. Zäh und unermüdlich war der Kaiser um die Vermehrung und Vervollkommnung der deutschen Seemacht besorgt und ließ sich durch keinerlei Widerstand von seinem Plane, Deutschland auch auf dem Meere vor Feinden zu sichern, abwendig machen.„Der Flottenbau Deutschlands wird in geschichtlicher Zukunft vermutlich einmal als ein Vorgang von ähnlicher Bedeutung erkannt werden wie der Flottenbau der Athener nach der Schlacht bei Marathon.“ Nicht minder ist es dem Drängen des Kaisers zuzuschreiben, daß ein anderes für den Frieden wie für den Krieg gleichbedeut- sames Werk, die Erweiterung und der Umbau des Nordostseekanales, noch im letzten Sommer zum Ab- schluß kommen konnte. 3
Unser wirtschaftlicher Aufschwung steht in enger Verbindung mit den Errungenschaften auf dem Gebiet der Physik und Chemie, die eine ganze Reihe von technischen in unser tägliches Leben tief eingreifenden Umwälzungen zur Folge hatten. Auch die Heilkunde wurde durch die Fortschritte der exakten Naturwissenschaften und die genaue Bekanntschaft mit der Natur der Spaltpilze und anderer krankheitserregender Kleinwesen zum Segen der Menschheit in ganz neue Bahnen gelenkt. Wir dürfen stolz darauf sein, daß unter den Forschern und den Pfadfindern der Wissenschaft während der letzten Friedenszeit so viele deutsche Namen glänzen, denn diese Tatsache ist ein Ausdruck der Tüchtigkeit, des Fleißes und Wahrheitsdranges unseres Volkes.
Schließlich sei noch daran erinnert, daß unter Wilhelm I. und II. auf Bismarcks Anregung hin eine der erfreulichsten Wohlfahrtseinrichtungen, die Staaten je geschaffen haben, zustande kam, nämlich das Gesetz, das den von seiner Arbeit Lebenden vor Betriebsunfall und Erwerbsunfähigkeit durch Erkrankung und hohes Alter schützt.
Die goldenen Tage des Friedens sind vorüber. Ein Weltbrand ist entflammt, wie ihn die Mensch- heit noch nie erlebt hat. Uber Tausende von Herzen ist bitteres Leid gekommen, und durch Millionen von Herzen geht ein schweres Bangen vor dem kommenden Tage. Unsühnbare Schuld trifft die Brand- stifter. Ist es auch nicht leicht, Geschehnissen, die man selbst miterlebt, vollkommen gerecht zu werden, da wir als Menschen von Selbstliebe befangen und nicht frei von Vorurteil und Leidenschaft sind, so haben wir Deutsche doch ausnahmslos die felsenfeste Uberzeugung, daß wir frei von Schuld an der schweren Not der Zeit sind. Nicht ein einziger höherer Gedanke ist die Triebfeder der Handlungsweise unserer Hauptgegner samt ihren Spießgesellen. Konkurrenzneid, blinde Rachgier, brutale Gewinn- und Eroberungs- sucht, vernunftloser Haß gegen deutsche Art bedingen ihren Zusammenhalt, der bei dem Fehlen jedder inneren Harmonie weit schneller, als er zustande gekommen ist, in die Brüche gehen wird.
A☛
Progr. Nr. 590.


