Jahrgang 
1915
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Im neuen Jahre.

Militarismus

Am Grabe.

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Nach ihm die Sehnsucht hier auf Erden es wird der frohen Botschaft voll,

soll uns zum höhern Frieden werden, die Gottes heiligem Geist entquoll:

Den Menschen all ein Wohlgefallen; Der Geist es ist, der sich den Körper baut. dann darf ein Halleluja schallen Wer so bekennt, hat Gott geschaut.

auch in der Krieges-Weihnachtszeit: Mag auch der Leib in Staub zerfallen,

Dehnt sich das Herz gleich doppelt weit, Gesegnet bleibt sein Erdenwallen.

Und mit dieser Zuversicht des Geistes Gottes und Gottes-Geistes wollen auch wir denn getrosten Mutes unsere Pilgerstraße weiterziehen, aus dieser Stunde des Besinnens in schwerster Zeit aber ein jeder in seinen Lebenskreis zurückkehren mit dem festen Vorsatz, an seiner Stelle das Gute zu wirken nach seinen Kräften. Schlagen wir diese nur nicht zu gering an, muten wir uns vielmehr etwas zu: bleiben wir mit unserer friedlichen Pflichterfüllung nicht allzusehr zurück hinter dem blutigen Pflichterfüllen unserer Brüder vor dem Feinde, vergessen wir nicht, was diese auszuhalten haben im Hagel der Geschosse nicht nur und beim opfermutigen Ansturm, sondern in der Käülte und Nässe des Winters draußen in ihren Schützengräben beim todesmutigen Ausharren und Stillhalten in allem, was sein muß. Der Ruhm, das Ideal ist ja jetzt anders geartet als in früheren Zeiten:

Wohl, wir alle haben es gewußt, Selig, wer in raschem Strauße siegt, Heute gilt kein buntes Heldentum, Von den Flammen seiner Tat umloht; Nicht mehr Brust an Brust Größer, wer in nasser Höhle liegt,

Mißt sich Ritterlust, Eisengrau dem Schicksal eingeschmiegt, Stiller, aber höher ward der Ruhm. Und die Augen überfüllt mit Tod.

Die als ihrer Heimat Eisenschild sich der Nacht hinboten mondelang: Wenn das Blut gestillt,

Wenn die Ernte schwillt,

Stehn sie auf in ewigem Gesang.

An ihre Seite haben wir zu treten in Gedanken: Gott stehe ihnen bei und verleihe ihnen Kraft, Gott stehe uns bei und verleihe uns Kraft zur Ausführung aller guten Vorsätze; für sie und für uns beten wir aus vollem Herzen das Gebet des Herrn.

Beim Zusammentreten im neuen Jahre nahm der Direktor verschiedene Gedankengänge aus dem alten wieder auf und kam so auf die beste Rüstung zu sprechen, mit der durch den Krieg auf den Frieden hinzuarbeiten sei. Als beste Rüstung aber wurde für 1915 und alle Zukunft das im Jahre 1914 und vorher so viel verrufene Wort oder vielmehr die damit be- zeichnete Sache empfohlen: Militarismus! Auf den üblen Beigeschmack, den das Wort gehabt habe, wurde kurz verwiesen, dann aber mit allem Nachdruck ausgeführt, was es in Wirklich- keit Gutes bedeute und immer bedeutet habe: Die eigene Tüchtigkeit in jedem Belang, um die ein Volk, das sie hat, zu beneiden ist von allen, die sich ihrer nicht rühmen können. Der Militarismus in der Schule aber, das hohe Wort, läßt sich mit zwei sehr schlichten und für jedes Kind begreiflichen Worten darlegen, die zugleich die Unentbehrlichkeit der Sache in jeder großen Gemeinschaft verraten: Ordnung und Ruhe. Diese Worte wollen wir im neuen Jahre immer mehr zu begreifen trachten. In solchem Sinne Anfang, Mittel und Ende, Herr Gott, zum Besten wende! So hieß es, und mit diesem kernigen Gebetsspruch gingen wir an unsere Arbeit.

Eine Feierstunde wehmütigster aber auch wohl eindrucksvollster Art, die ein paar Dutzend unserer Schüler bald darauf erlebten, soll hier nicht unerwähnt bleiben: Sie begleiteten als Mitglieder des Bibelkränzchens Jung-Siegfried einen 17 jährigen Kameraden zu Grabe, der als junger Kriegsfreiwilliger aus der Unterprima des hiesigen Wöhler-Realgymnasiums in das neugebildete Infanterie-Regiment Nr. 223 eingetreten war, das Eiserne Kreuz erworben und nach so kurzer Zeit schon sein Leben dem Vaterlande zum Opfer hatte bringen müssen.