Jahrgang 
1915
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Heilige Nacht. Heilige Nacht,

Volk mit Volk in heißer Schlacht. neigst dich im Trauerschleier sacht, Dampfendes, donnerndes Sausen und Brüllen; kummervoll in heißen Tränen

rings ein blutiges Pflichterfüllen. ob den blutenden Menschensöhnen Immer zu in den Kugelreigen! bettest in weißen Flor und Flaum, Endlich von drüben das große Schweigen was da gefallen vom Lebensbaum, rechts und links packts die Gefährten. stillst und deckst so viel Beschwerden.

Friede auf Erden. Friede auf Erden.

Ja wahrlich eine Heilige Nacht wie ganz anders als sonst! Ja wahrlich Friede auf Erden wie so ganz andrer Art, als wir es gewöhnt sind in dieser Stunde zu verspüren!

Aber doch eine Heilige Nacht, doch eine Weihenacht, vielleicht noch viel heiliger als sonst, ein Friede auf Erden viel wertvoller, als wir ihn sonst in dieser Stunde zu verstehen pflegen!

Ja, wie es auch sei, wir haben wahrlich alle Ursache und allen Grund, uns heute freudig zu bekennen zu dem Kind, durch das uns Gott der Herr seinen heiligen Geist in dieser Welt vor Augen geführt hat, uns zu bekennen zu der Leuchte, zu dem Geiste, zu der Kraft, zu dem Leben, zu dem Frieden, zu der Liebe, von der die heilige Schrift in allen ihren Teilen zu uns redet, der Liebe, in der am Ende auch das ganze Gesetz mitsamt den Propheten hanget und seine Erfüllung findet.

Es bleibt wie immerdar: Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben über alle Dinge und deinen Nächsten wie dich selbst, das ist das erste und vornehmste Gebot. Gottesliebe offenbart sich in der Nächstenliebe usw. wie alljährlich Verlesung der Schriftteile bis Lukas 2, 1 14. Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen! So schließt die frohe Botschaft, und heute? Wenn es auch ein Hohn darauf und ein Schlag ihr ins Gesicht zu sein scheint, wie die Menschheit, diese gottgeborene Menschheit sich gebärdet, so gilt es doch umsomehr, nicht davon zu lassen, nicht abzufallen und der schwarzen Verneinung an- heimzufallen, sondern vielmehr trotz allem freudig zu bejahen, den Kopf hoch zu halten und mutig, ja trotzig an unserm Bekenntnis festzuhalten: Das Reich muß uns doch bleiben, das Gottesreich, das Gottes- kindschaftsreich, das Reich des ewigen Lebens. Und wenn wir einen Augenblick verweilen und uns in aller Ruhe fragen, wie es denn in Wirklichkeit jetzt steht damit, ob denn in Tat und Wahrheit schon so viel verloren ist davon, so wird sehr bald unsere Besorgnis weichen; ja freudiger wird unser Herz schlagen, wenn wir sehen, wie viel uns noch geblieben ist nicht nur, sondern wie viel wir vielleicht gar ge- wonnen haben, wie wir mehr als sonst schier berechtigt sind, das Fest des Lebens, der Liebe, des Friedens zu feiern. Krieg ist freilich allerwegen zu dieser Stunde in den Landen ringsum, die Welt scheint von Haß ganz erfüllt, und der Tod schreitet über die Erde. Aber gerade diesem Tod steht ein Leben gegenüber so gesteigert, so herrlich, so voll Kraft und Macht und bestem Willen und Wollen, daß uns das allein schon aussöhnen könnte, dieweil es uns mit jenem Verzicht erfüllt, mit jenem persönlichen Opfermut, der doch das Größte ist in unserem Leben. Nehmen sie den Leib, Gut, Ehr, Kind und Weib, was es auch sei Laß fahren dahin, sagt der Einzelne, und deshalb eben kann die Gesamtheit sagen: Das Reich muß uns doch bleiben. Lauter Liebe und lautere Liebe ist also unser Leben da, wo der Haß und nichts als Haß ringsum zu herrschen scheint. Unsere Liebsten geben ihr Leben dahin für uns, damit wir in Frieden leben können; wir geben unsere Liebsten dahin, und alles, was wir Schönstes und Liebstes für sie erdenken und schaffen können, das schicken und geben wir ihnen hin und haben nur das eine Bedauern, daß wir nicht auch mit unsern Leibern an ihrer Seite stehen und helfen können. Und ist nicht unsere Sehnsucht in diesen Tagen, unser Sehnen, mit dem wir zu ihnen hineilen oder sie in unsere Mitte zaubern möchten, die Erinnerung, mit der wir sie umklammern, auch ein Stück von jener Liebe, von der wir jetzt an uns erfahren, daß sie nimmer aufhöret, auch mitten in dem Haß, der uns gegen unsere Feinde erfüllt und weiter treibt, und der jetzt in allen Stücken gerecht erscheint? Ist es da nicht fast, als ob solcher Haß nur dazu da wäre, um solche Liebe zu gebären? Ist nicht da die weiße Farbe am leuchtendsten, wo sie sich abhebt von einem kräftigsten, dunkelsten Schwarz daneben, wie in unserer preußischen und auch deutschen Fahne? Ist der Tag nicht doppelt willkommen nach einer besonders langen oder bangen, finstern, schreckenvollen Nacht? Ist Licht ohne Schatten überhaupt denkbar für uns, Sonne ohne Nebel oder Regen? Und so und nicht anders ergänzen sich auch in unserem Denken und Empfinden oder ringen miteinander Leben und Tod, Liebe und Haß, Friede und Krieg. Die Anhänger des großen Friedensbundes verkünden zwar die frohe Mär, daß wir ohne Krieg auskommen könnten in