— 23—
gefühl zur Selbsthilfe drängten. Schon damals war es der offen kundgegebene Wunsch unseres erhabenen Kaisers, daß die Sache, wie es hieß, lokalisiert bleiben müsse, daß also— anders und für alle hier ver- ständlich gesagt— daß die übrige Welt sich nicht in die Angelegenheiten Österreich-Ungarns einzu- mischen habe, und daß dieses seinen Handel mit dem slawischen Balkanstaate schon selbst ausmachen werde. Schon lauerte aber im Hinterhalt und mit Hinterlist der große ländergierige Slawe, der Russe, der, so viel er auch schon haben mag, doch nie genug kriegen kann, und der unter dem wohlfeilen Vorwande, den slawischen Kleinstaat nicht im Stiche lassen zu dürfen, der serbischen Mordsache, wenn er nicht schon seine Hand darin gehabt hatte, doch von Stund an mit großer Beflissenheit seine Stütze lieh. Auf den Mord der Serben setzte der Russe bis zum Thron des Herrschers aller Reußen hinan Lug und Trug, die vor aller Welt mit dem Ehrenworte bekräftigt wurden. Aber diese Welt voll Ehren- männer hatte ja ihren Plan schon längst unter sich abgekartet. In Rußland war man mit der Bereit- stellung der großen Heeresmassen, der sogenannten Mobilmachung, schon Wochen lang beschäftigt ge- wesen, als man an den höchsten Stellen sein Ehrenwort gab, daß nichts von alledem der Fall sei. In England hatte man unter dem Vorgeben einer Probemobilmachung schon längst die gesamte Flotte zu- sammengezogen und in Bereitschaft gesetzt, als der englische Handelsmann, die Krämerseele auf dem Ministerstuhl, um für seine geheimen Verbündeten Zeit zu weiteren Vorbereitungen zu gewinnen, ein neues Scheinmanöver vor aller Welt einleitete durch seine Einladung zu Verhandlungen, durch die der Weltfriede erhalten werden sollte, ein Scheinmanöver, das damit endete, daß er sich herauszureden suchte, man habe ihn mip verstanden. Frankreich aber hatte unterdessen schon am 27. Juli, also tagelang vor der ersten Kriegserklärung, und wohl während sein Präsident noch auf der Rückreise von Petersburg be- griffen war, also noch mitten im Frieden, den Donon besetzt, den höchsten Gipfel der Vogesen in weitem Umkreis, und an dessen Fuß wir denn auch später infolge unvorsichtigen Wagemuts eine Schlappe zu erleiden hatten, die in der verlogenen Hauptstadt Paris wohl als großer Sieg gemeldet wurde. Ruß- land, Frankreich, England waren unsere längst untereinander einigen Feinde, denen allen im Grunde unsere immer wachsende äußere und innere Größe unerträglich war, und die sich zusammentaten, um dieser unserer Größe einen vernichtenden Schlag zu versetzen. Dagegen hatten wir uns zu wehren. Wir befanden und befinden uns in der Notwehr. Der Krieg war für uns zu einer Notwendigkeit geworden. Es schien alles rings um uns herum zu einer Not gegen uns gewendet. Auch andere Feinde kamen noch dazu, von denen uns nur die Irregeleiteten leid tun, mit Verachtung aber erfüllen die gelben Räuber; und unsere im Dreibund Verbündeten jenseits der Alpen stehen bis heute in strenger Neutralität beiseite und werden wohl auch so bleiben. Aber Not macht stark, solche Not inmitten eines Ringes durch die Zahl gewaltig überlegener Feinde macht unüberwindlich stark. Das haben unsere Erfolge gleich in diesen ersten wenigen Wochen unseren Feinden und aller Welt in einer Weise dargetan, wie es doch wohl nur die Vertrauensstärksten zu hoffen gewagt haben dürften.
Einen ganz bekannten Heerführer gibt es allerdings, der soll schon immer gesagt haben, daß er im Falle eines Krieges mit Frankreich nach sechs Wochen vor Paris zu frühstücken gedenke. Das hat man wohl für ein kühnes Wort, eine Art Scherzwort gehalten, allzeit, und zumal jetzt, als der Krieg so plötzlich über uns hereinbrach, und wie er kam mit seinen Feinden auf allen Seiten. Aber Bereitsein ist alles, und wir waren bereit, und auf alles bereit, und wie steht es nun mit Paris? Wie weit sind wir schon herangekommen? Werden wir nicht wirklich vor seinen Wällen stehen, wenn einmal die sechste Woche nach der Mobilmachung herum sein wird? Man mache uns den Weg dahin, den wir gewählt haben, nicht zum Vorwurf! Wir haben es gewiß nicht leichten Herzens getan; aber wir mußten es tun, wenn wir uns nicht selbst umbringen wollten, und die Urkunden der Geschichte sind wohl schon vorhanden, die unwiderleglich dartun, daß unser Vorgehen auch nur eine Tat der Notwehr war, durch die wir unseren Feinden zuvorgekommen sind.
Pflug und Garbe wurden im Stich gelassen, von jedem da, wo er gerade stand, Werkzeug und Werk und Frucht des Werkes, alles blieb liegen, und unsere Kolonnen setzten sich in Bewegung. Wer hat nicht die unausgesetzt dahinrollenden Eisenbahnzüge bei Tag und bei Nacht gehört? Die ganze Bevölkerung wurde davon ergriffen. Ihr habt eure Lehrer zum Teil dahinziehen sehen, von denen der eine, Herr Oberlehrer Schröder, schon jetzt an einer Verwundung darniederliegt, derselbe, der bei unserm letzten Zusammensein hier in der Aula über den Segen des Roten Kreuzes zu euch sprach, meine lieben Schüler. Ihr habt es dann selbst erlebt, wie der Schulhof, auf dem wir in dieser Zeit unsere


