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Kreuzes und der Landwehr. Es war die eigentliche Jahrhundertfeier, die nach der An- ordnung des Herrn Ministers vor Ostern stattfand, aber im letzten Jahresbericht wegen der vorgerückten Zeit nur kurz erwähnt werden konnte. Es wurde gesungen, vom Chor und von der ganzen Schulgemeinde, Gedichte wurden vorgetragen, die wie der Gesang die Bedeutung der großen Zeit zur Geltung brachten. Den Höhepunkt der Feier bildete aber die tiefdurchdachte, gehaltvolle und formvollendet eRede des Herrn Professors Dr. G. A. O. Collischonn. Der Gegenstand der Rede war ja gegeben.„Der deutsche Sturm 1813* be- nannte ihn der Redner, und wie ein rechter Sturm konnten seine Worte dem aufmerk- samen und mitempfindenden Hörer ans Ohr schlagen, Herz und Gemüt gefangen nehmen, als er die unten folgenden Grundzüge ausführte, deren große und ernste Gedanken immer von neuem zum Nachdenken anzuregen und jene Seelenstimmung zu erzeugen vermögen, aus der die Taten geboren werden.
Wir feiern Gedenktage nicht der Toten, sondern unserer, der Lebenden, wegen, um Kraft zu ziehen aus dem Umgang mit den großen Menschen und Taten unseres Volkes, um uns zu erfüllen mit dem Gedanken,„welch eine uralte, erstaunliche Ehre wir auf dieser Erde zu bewahren haben“. Die Gedenktage, die uns in die Zeit einer großen Not führen, die überwunden wurde, sind dafür die wertvollsten. Das Jahr 1813 ist es in besonderer Weise, weil es aus der Not heraus die Grundlage geworden ist für den Bau des deutschen Reiches, weil es erst seit 1813 wieder deutsche Geschichte gibt. Aber wichtiger noch als die äußeren Taten der Befreiungskriege sind die Kräfte, die damals im deutschen Volke zur Entfaltung kamen und die es seitdem von Stufe zu Stufe gehoben haben, die sich in dem tiefen Willen äußerten: Deutsche zu sein und deutsches Wesen durchzusetzen in der Welt, allen Feinden zum Trotz. Napoleon selbst war verurteilt, durch alle seine Taten nur diesem Willen zu dienen, der der lärmenden, rationalistischen Revolution die Unwiderstehlichkeit des stillen organischen Wachstums entgegensetzte, wie es sich in Goethe zum Staunen der gebildeten Welt entfaltet hatte, ehe es sich auf den Schlachtfeldern im Wesen anderer Männer, die doch Werkzeuge derselben nationalen Kraft waren, vor den Augen der ganzen Welt in unerhörten Kraftäußerungen offenbarte, die das Geistesland Deutschland zum politischen Deutschland werden ließen. Es war der Geist der Freiheit, der Selbstbestimmung, der in allen großen Denkern und Dichtern von Walther von der Vogelweide bis zu Arndt und Körner, von Luther bis zu Schleiermacher, von Jakob Böhme bis zu Kant und Fichte gelebt hatte, der jetzt in Waffen aufstand und Napoleon zerschmetterte. Aber ehe dies geschehen konnte, hatte er erst all die Niedertracht unter sich zu treten, die in deutschen Seelen selbst ihre Herrschaft auf- gerichtet hatte: Selbstunterschätzung, Kleinmut, Fremdenbewunderung, Knechtsinn. Die Zeit vor 1813 birgt Abgründe von deutscher Schmach, die uns die Scham siedend heiß in die Wangen treibt. Daß 1813 auch ein harter Kampf deutschen Geistes gegen deutsche Schwäche war, das
. ist eine furchtbare Warnung für uns; denn wir haben diese Schmach noch im Blut, jeder von uns, der fremdem Wesen mit Bewunderung gegenübersteht und heimisches hintansetzt. Laßt uns sie bekämpfen in uns selbst durch den Blick auf die Drachensaat eiserner Männer, die sich 1813 aus den Furchen der Schmach erhoben zum Kampf um Deutschlands Sein und Deutsch- lands Ehre: die Stein, Arndt, Fichte, Scharnhorst, Blücher, Gneisenau, Vork, Bülow, Boyen, Grol- mann, Clausewitz und die unüberwindlichen Scharen, die sie zur Schlacht führten. Es gibt kein wirksameres Stahlbad der Seele als den Verkehr mit diesen Feuer- und Eisengeistern durch die Schriften, Briefe, Aufzeichnungen, Reden, die uns von ihnen als köstliches Vermächtnis über- liefert sind.*)
So hat uns Napoleons Gewalttat zu uns selbst zurückgeführt. Heute macht man wieder den Versuch, deutschem Wesen in der Welt den Weg zu verlegen. Nur so lange man unsern Willen spürt, uns durchzusetzen, im Notfall auch in offenem Kampf, werden wir Frieden haben. Warnend sagt Niebuhr:„Der Name der Freiheit ist vielen lieb geworden, aber wenige denken es sich, daß die Freiheit kein Stand des Genusses ist, sondern eine Mühseligkeit und Gefahr“. Seien wir dessen eingedenk hundert Jahre, nachdem die Freiheit errungen wurde!
Die Befreiung 1813, 1814, 1815, Urkunden, Berichte, Briefe. Verlag Langewiesche, Ebenhausen bei München.


