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— Genug aber von dieser traurigen Zeit! Gerade heuer geziemt es sich für uns hier in Frankfurt, einmal anders dreinzuschauen, und frisch-fromm-fröhlich- freien Sinnes wollen wir daher nach vorwärts blicken: Schon rühren sich ja alle Hände, um in würdiger Weise das Ereignis des Jahres 1908 vorzubereiten, das große all- gemeine deutsche Turnfest, das im Juli 1908 Tausende und Abertausende guter Deutscher zu uns in unsere Heimatstadt führen wird, so recht ein Fest geeignet darzutun, daß es gottlob jetzt ganz anders aussieht in unserem geliebten deutschen Vaterland als vor 100 Jahren. Es ist in der Tat kein Leid so groß in dieser Welt, keine Not so arg, daß nicht auch ein Gutes daraus erwüchse. Wer wüßte es nicht, daß die Sache der deutschen Turnerei, die jetzt so groß dasteht, aus jenen trübsten Zeiten geboren ist, die über unser Vaterland hereingebrochen waren. Da zog im Sommer 1810 der damals zweiunddreißigjährige Altvater jahn mit seinen Knabenscharen hinaus ins Freie und begann als der erste die Leibesübungen zu treiben, die dann im Früh- jahr 181l auf dem ersten Turnplatz, in der Hasenheide bei Berlin, schon festere Gestalt und durch Einführung von Geräten auch schon größern Umfang gewannen. Aber was will dieser Umfang besagen gegen das, was heute ist! Was ist heute aus jenen verhältnismäßig doch so kleinen Anfängen geworden! Ihr werdet es ja im nächsten Jahre mit eigenen Augen sehen: Das Reis ist zu einem gewaltigen Eichbaum herangewachsen, die Knabenscharen von einst haben sich gewandelt und verdichtet zu einem mächtigen Bollwerk echten Deutschtums in allen Landen, soweit die deutsche Zunge klingt und weiter hinaus. Wo immer auch in fremden Landen, auf dem ganzen weiten Erdenrund, möchte ich sagen, Deutsche sind, da tun sie sich zusammen und pflegen die deutsche Turnerei. Und überall ist es wahr: Frisch, fromm, fröhlich, frei ist die deutsche Turnerei. Das ist keine Redensart von mir. Ich habe es selbst erlebt, als ich während meines zweijährigen Aufenthaltes in London hin und wieder an den Abenden der deutschen Turnerschaft dort teilnehmen durfte, auch einmal selbst mitwirkend, zwar nicht als Turner, aber mit meiner Geige, bei einer turnerischen und musi- kalischen Veranstaltung, die abgehalten wurde, wenn ich mich recht erinnere, zum Besten der Überschwemmten hier unseres Maintales nach dem großen Hochwasser des Jahres 1882. Nie werde ich das herzlich fröh- liche Treiben vergessen, das dort inmitten des fremden, ausländischen Lebens alle Anwesenden vereinte. Aber auch als wahrhaft frei habe ich damals schon die deutschen Turner kennen gelernt; und ich denke dabei an die allerhöchste Freiheit, die der Mensch erreichen kann, an jene Selbstüberwindung, die den Menschen frei macht von selbstherrlichen Trieben und ihn befähigt, seine Person zurücktreten zu lassen und sich willig einer großen Gemeinschaft einzuordnen, einer großen gemeinsamen Sache ganz hinzugeben, wenn es sein soll, in ihr ganz aufzugehen. Und das war im Lande des Sports, wo sich diese Gedanken für mich so schön ver- körperten, im Lande des Sports, wo doch im Grunde der einzelne viel eher auf den eigenen Lorbeer bedacht ist. Ich widerstehe gern der Versuchung, hier näher einzugehen auf den bedeutsamen Unterschied zwischen sportlicher und— Jahn’scher Turnerei. In die deutsche Schule hat ja, und nicht zu ihrem Schaden, Vater Jahn mit seinem Turnen längst schon seinen sieghaften Einzug gehalten, und auf unserem Schulhof haben wir es ohne Zweifel in erster Linie mit jener höheren Freiheit der Selbstmeisterung, auch Unterordnung zu tun, vermöge deren der Turner sich damit bescheidet oder auch, je nachdem man es verstehen will, sich dazu aufschwingt, im Interesse und zum Gelingen des Ganzen seine volle Pflicht zu tun, seine ganze Kraft einzusetzen. Und daß wir da auf dem Plane sind, das wollen wir heute von neuem beweisen. Auch bei uns in der großen Frankfurter Schulgemeinde sind die nötigen Schritte schon getan, um im nächsten Jahre den deutschen Turnern durch die Tat den Willkomm zu entbieten. In wenigen Wochen soll ein erstes gemein- sames Probeturnen alle Schulen an der Arbeit zeigen. Der Adlerflychtschule mit ihrem alljährlichen Turn- Schulfest darf die Probe nicht schwer fallen. Wohlan denn, meine lieben Schüler, das laßt uns hier schon heute sehen! Brust heraus, Kopf hoch und Ohren steif, und frisch ans Werk und bei der Sache! Ganz und gern!— Zuvor aber geben wir dem Vaterland die Ehre, dem wir alle dienen, und singen miteinander das Lied vom Vaterland:„Deutschland, Deutschland über alles, über alles in der Welt!“
Nachdem das Lied gesungen war, begannen die turnerischen Vorführungen, die diesmal zugleich als Vorübung gedacht waren zu dem für den 25. September geplanten Schauturnen aller Frankfurter Schulen: ein von ungefähr 150 Schülern ausgeführter plan- mäßiger Aufmarsch der Doppelklassen VI und V mit abschließendem Stirnmarsch aller Realschulklassen, Freiübungen der Klassen IV bis U. II mit Marschübungen— sogenannten Zwischenübungen— nach dem Takte der Musik, desgleichen nach den Klängen des Klaviers zunächst Keulenschwingen der Klassen U. III bis U. II und dann Gemeinturnen


