Jahrgang 
1903
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alles genau an seinem Ort! Das kann man ein Takthalten im Leben nennen. Und so hoffe ich und erwarte ich von euch, meine jungen Freunde, daß es auch in Zukunft, und zwar in allen Gegenständen, bei der alten Treue der Arbeit hier bleiben wird.

Da habe ich vor kurzem in einer französischen Geschichte die Klage eines ver- zweifelten Jünglings gelesen über arges Leid, herben Kummer, bittere Erfahrungen in seines Lebens Mai. Der Rat des alten erfahrenen Mannes, dem er sein Herz ausschüttete, lautete folgendermaßen:Il n'y a qu'un remòde contre tous les chagrins: Après la religion c'est le travail, simple et honnéête, calme, régulier. Je vous conseille de continuer vos études sans penser trop au résultat. Le bon Dieu fera le reste. Zu Deutsch:Es gibt nur ein Mittel gegen allen Kummer, gegen alles Herzeleid: Nach der Religion ist es die Arbeit, die schlichte und ehrliche, stille, ruhige, regelmäßige, stetige Arbeit. Ich rate Euch, Eure Studien fortzusetzen ohne allzusehr an den Erfolg zu denken. Der liebe Gott wird das Übrige tun. Dem habe ich nichts hinzuzufügen.

Nur ein kurzes Wort soll noch folgen über die Treue der Gesinnung. An sie er- innerte ja eben in dem Ratschlag des lebensweisen Alten die Erwähnung der Religion an erster Stelle. Und wahrlich: Die Treue der Arbeit tut es nicht allein in diesem Leben und auch schon früh nicht auf den Bänken der Schule.Was hülfe es dem Menschen, so er die ganze Welt gewönne und litte doch Schaden an seiner Seele! Über dieses mahnende Bibelwort habe ich am ersten Tage dieses Jahres eine tief zu Herzen gehende Neujahrspredigt gehört, und der Geistliche hatte Recht, wenn er darin auch unserer deutschen Schule gedachte. Es ist hier nicht der Ort, auf die Frage einzugehen, ob nicht. in der Tat heutzutage infolge einer vielleicht etwas einseitigen, auch wohl durch die Ver- hältnisse gebotenen, leicht übertriebenen Förderung des Wissens die Erziehung des Menschen, die Bildung der Seele, die Pflege der Individualität, der Persönlichkeit des einzelnen Menschenkindes einigermaßen zu kurz kommt. Aber Eines will ich doch sagen: Wie oft ist mir nicht die goldene Inschrift vor die Seele getreten, die in den Quadern über der Pforte meines alten Gymnasiums eingemeißelt stand, und die uns Schüler tagaus, tagein empfing:Die Furcht des Herrn ist der Weisheit Anfang wie oft habe ich an dieses Wort zurückdenken müssen, wenn meine Augen auf das andere. heute so oft wiederholte fielen:Non scholæ, sed vite discimus,Nicht für die Schule, sondern für das Leben lernen wir. Ohne allen Zweifel hat auch dieses Wort sein volles, gutes Recht. Aber eine ganz notwendige Ergänzung dazu finde ich in jenem ersten. Denn wir sollten nie vergessen, daß es doch mit allem unserem Wissen Stückwerk ist, daß doch all unser Lernen eitel und nichtig bleibt, wenn wir nicht in jener Furcht des Herrn stehen, die sich mit unserer kindlichen Liebe zu dem himmlischen Vater sehr wohl verträgt und zur wahren Gotteskindschaft verbindet, wenn wir uns nicht demütig bescheiden und zugleich an unserer Gesinnung arbeiten, wenn wir diese nicht immerfort treu hüten und alles Böse und Arge, was in ihr aufwuchern könnte, mit unserem guten Willen gleich im Keime ersticken. Verlaßt ihr den Boden der Wahrheit, liebe Schüler, so seid ihr nicht mehr treu in eurer Gesinnung, so betrügt ihr nicht nur andere, sondern vor allem auch euch selbst. Seid also auf eurer Hut, bewahret eure Zunge und laßt nie, auch nicht in der Not, ein unwahres Wort über eure Lippen kommen. Habt ihr einmal ge- fehlt, so gesteht es mutig ein! Nur wer immer bei der Wahrheit bleibt, darf erwarten, daß ihm verziehen werde. Und wer auch nur ein mal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er gleich die Wahrheit spricht.