Jahrgang 
1903
Einzelbild herunterladen

29

beginn denn wer weiß, wo eben jene Grenze des Erlaubten liegt! alle, die an der Arbeit sind, mit allen Fasern ihres Daseins bei der Sache sein und auch dabei bleiben, bis der letzte Ton, das letzte Wort verklungen ist. Mit anderen Worten, es muß hier vom ersten Anfang bis zu Ende vollkommner Ernst gemacht werden. Dann bleibt der Erfolg nicht aus. Das ist das ganz einfache Rezept der Leistung, nach dem man mich so oft gefragt hat. Aber dies alles, was ich da sage, soll ja hier nur ein Beispiel sein, wie sich denn überhaupt auf dem Gebiet der Kunst, oder nennen wir es einmal für die Schule bescheidener Gebiet der Künste oder noch elementarer der technischen Fächer, manches wird begreiflich machen lassen, was sonst nicht ohne Widerspruch bleiben wird. Hört man doch heut- zutage bei uns Schulmännern gar leicht über allzu weit gehende Genauigkeit klagen, über allzu strenge Forderungen, und was da sonst noch gleich genannt wird. Ich meine, wir sollten auf der Hut sein, daß wir hier nicht zu weit nachgeben, damit uns nicht eines Tages mit der Treue der Arbeit die Zufriedenheit mit unserer eigenen Leistung abhanden komme. Das ist doch bisher der Ruhm des Deutschen gewesen, daß er es in allem und namentlich auch in der Schule so ernst nimmt. Das hat die Überlegenheit unserer Jugend mit sich gebracht, und diesen großen Schatz uns zu erhalten, daran sollte jeder deutsche Jüngling mit Freuden mit arbeiten oder aber, wenn er es nicht von selbst tut, mitzuarbeiten angehalten werden.

Gerade nach dem Stand der technischen Fächer einer Schule, die ja nicht in erster Reihe angesehen dastehen, auch des Turnens, läßt sich so schön beurteilen, welche Zucht, welcher Geist im allgemeinen an ihr herrscht, ob an ihr und inwieweit dem Besten ihrer Zeit genug getan wird. Nur wer auf diesem Gebiet selbst einmal mitgetan hat, der weiß genau, was hier zum allgemeinen Besten geschafft oder zum allgemeinen Schaden ver- absäumt werden kann, und darum wird mir persönlich auch eure diesbezügliche Arbeit, liebe Schüler, euer Tun und Lassen in allen hierher gehörigen Unterrichtszweigen stets ein besonderes Anliegen sein. Habe ich doch lange Jahre hindurch schon früher hier mit einem Dirigentenstabe, freilich nur in der Hand, gewirkt und zur Weihe der Feierstunden der Schule beigetragen an der Spitze der bevorzugten Schar der Schüler, denen des Gesanges Gabe verliehen war. Zur Erinnerung daran wurde mir bei meinem Weggang ein Gedenkblatt überreicht, und auf dieses ist in der Zwischenzeit auch alltäglich in der Tat mein Blick gefallen. Stunden allerschwerster Arbeit sind mir dabei ins Gedächtnis gekommen, aber auch die Stunden tiefinnerster Befriedigung nach Vollendung des großen Werkes, wenn das Ziel erreicht war und des Liedes fertige Töne festlich die Halle erfüllten. Ernste und heitere Weisen haben wir da mit einander erklingen lassen, weltliche und geistliche Lieder. Marsch- und Wiegenlieder, Kriegs- und Friedensklänge, Empfangs- und Abschiedslieder, Frühlings- und Herbst-, Sommer- und Wintergesänge überall hatten wir die Freude und innere Genugtuung einer vollwertigen Leistung nach vorausgegangener ernster und andauernder Arbeit, bei der keine Anstrengung gescheut oder erlassen worden war. Allergrößte, ja peinlichste Pünktlichkeit in den kleinsten Teilchen der Zeit und ebensolche Genauigkeit in den kleinsten Teilchen des Raums, wo kann man diese besser in ihrer Bedeutung kennen lernen, als gerade in den technischen Fächern der Schule: Singen, Zeichnen und last not least Turnen! Und was ist dann nachher im Leben die Pünktlichkeit und Genauigkeit, die Ordnungsliebe des Menschen anders als ein lebhaftes und in die Tat umgesetztes Empfinden für eben diese Dinge. Alles genau zu seiner Zeit,