Jahrgang 
1903
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vollkommen zu Ende sein, je erbarmungsloser uns das Leben mit seinen Härten anfaßt, sobald immer und wo immer wir schlecht ausgerüstet mit ihm in Berührung kommen. Mehr und mehr werden es die jungen Leute gewahr im Leben, daß der Lehrer es am wohlsten mit ihnen gemeint, der ihnen in der Schule am wenigsten geschenkt, der ihnen das beste, vielleicht nicht immer leichteste Rüstzeug mit auf den Weg gegeben hat. Da traf ich erst vor kurzem noch einen früheren Schüler von hier. Als auch er mir seine Gliückwünsche zur Rückkehr an die alte Schule aussprach und ich ihm darauf erwiderte, daß ich dort doch immer so streng gegen ihn gewesen wäre, da sagte er kurz:Aber gerecht! Solche Treue danke ich meinen alten Schülern und entnehme gern daraus, was ich auch den neuen in erster Linie schuldig bin.

Ja, wenn die Treue des Schülers gegen seine Lehrer in der dankerfüllten Anhänglich- keit an diese ihren Ausdruck findet, so hat sich umgekehrt die Treue des Lehrers gegen seine Schüler in seiner unwandelbaren Gerechtigkeit gegen diese kund zu tun. Und damit sollte es in der Tat der Lehrer so genau nehmen, es ist keine leichte Forderung, die hier gestellt wird, das weiß ich, aber sie ist zu stellen daß auch der bloße Verdacht, oder Schein des Gegenteils nicht aufkommen oder doch kein längeres Dasein fristen könnte. Von Herzen gern und mit gutem Gewissen gelobe ich euch daher, meine lieben jungen Freunde, von meiner Seite und von meiner Stelle aus solche Treue.

Damit euch diese aber zu teil werden könne, und damit ihr euch darüber keine falschen Vorstellungen machet, keine falschen oder gar unbilligen Erwartungen heget, dürft ihr vor allem nie die Treue gegen euch selbst auch nur einen Augenblick fahren lassen, müßt ihr euch vielmehr unausgesetzt dieser eurer Treue voll bewußt bleiben, und zwar in der Arbeit sowohl als auch namentlich in dem Charakter, in der Gesinnung. Sei getreu bis in den Tod, heißt es in der heiligen Schrift,so will ich dir die Krone des ewigen Lebens geben. Und was bedeutet der erhebende Schluß unserer größten Dichtung anders:Wer immer strebend sich bemüht, den können wir erlösen. Also zunächst und damit bin ich zu meiner Bitte, zu meiner bestgemeinten Aufforderung an euch fort- geschritten, liebe Schüler seid treu in eurer Arbeit! Denkt daran, daß ihr für euch selbst arbeitet und nicht für eure Lehrer, daß ihr euch also, wenn ihr es am Fleiß, an der Arbeit fehlen laßt, einer gewissen Untreue gegen euch selbst schuldig macht. Gebt euch auch nicht zu leicht zufrieden und laßt euch nicht daran genügen, daß die Arbeit getan ist, gleichviel wie sie getan ist. Daß dies oder jenes wie eine reife Frucht euch von selbst in den Schoß falle, diese Sage behandelt lieber wie eine Fabel aus dem Schla- raffenland. Uberlaßt euch nicht dem wohlfeilen Gedanken der Entschuldigung, daß eure Arbeiten ja doch nur Schülerarbeiten seien und auf Vollkommenheit keinen Anspruch machen könnten. Unter einem gewissen Maß dürfen sie doch nie zurückbleiben. Und nur wer seine ganze Kraft einsetzt, wird dieses Maß voll machen, der andere aber nicht be- stehen können. Darum haben mir auch die Bitten um Nachsicht in den Prologen bei Schüleraufführungen nie recht in den Sinn gewollt. Was hier in Abzug zu kommen hat, daran brauchen und wollen kundige und einsichtige Zuhörer und Zuschauer nicht erst erinnert werden. Das andere aber muß restlos geleistet werden. Sonst ist eben anstatt der Stimmung, die erzeugt werden soll, Verstimmung das Ergebnis, und diese kann sich, wenn einmal die Grenze überschritten ist, allerdings leicht dermaßen steigern, daß man lieber auf und davon gehen möchte. Um solchen Ausgang zu verhüten, müssen von An-